Glauben Sie an Gott?

Manchmal würde ich diese Frage gerne unseren Patienten stellen, wenn sie auf dem OP-Tisch liegend in der Einleitung stehen und sich ihr innerer Tumult in der Tachykardie oder Hypertension auf dem Überwachungsmonitor widerspiegelt. Keineswegs, weil ich ein strenggläubiger Mensch bin, der seine Kraft mit auf den Weg geben will, sondern weil ich wissen möchte, ob sie es schaffen würden, an „Uns“, das Narkoseteam und OP-Team, zu glauben, da es für mich eine gleichwertige Situation darstellt. Das Leben in der Hand einer höheren Kraft, die durch ihr Handeln über das Fortbestehen dieses Individuums entscheidet, wofür es keine 100-prozentige Sicherheit gibt. „Sie müssen uns vertrauen. Wir sind die gesamte Zeit bei Ihnen.“, hört der zu Behandelnde, während er allmählich durch die Hypnotika in den Schlaf sinkt und damit seine weitere Existenz in unsere Verantwortung übergibt. Derjenige befindet sich in Ohnmacht, was hierbei beide Definitionen des Wortes erfüllt [1]. Er befindet sich in einem Zustand der vorübergehenden Bewusstlosigkeit, aber auch in der Unfähigkeit zu handeln, was im engeren Sinne auf die Narkose bezogen ist, aber letztendlich die medizinische Indikation meint, weswegen er sich überhaupt auf dem OP-Tisch befindet. Eine höhere Kraft außerhalb des Selbst ist von Nöten, um dieses Hindernis zu überwinden. Seien es wegweisende Psalmen oder die chirurgische Intervention: Derjenige benötigt Hilfe und scheint die Akzeptanz dafür gefunden zu haben. Doch das lindert nicht zwingend die Angst, da er sich ins weitestgehend Unbekannte begibt. Obwohl sowohl chirurgisch sowie anästhesiologisch eine Aufklärung stattgefunden hat, die hoffentlich ausführlich und patientengerecht war, bleibt immer noch das Fünkchen Ungewissheit, was nagt, die Psyche martert und letztendlich zu einem schlechten Outcome allerseits führt. Zum einen ist es möglich, es auf potenzielle Komplikationen zurückzuführen, jedoch denke ich, dass es viel mehr auf die Veränderung des Ist-Zustands hinaus geht. Wann ist es die Gegenwart, welche in uns Ängste hervorruft und die Gedanken darum kreisen lässt? Wenn man genauer darüber nachdenkt, befindet sich der Geisteszustand meistens in einer anderen Zeitform als dem Jetzt. Sei es im Alltag oder wie in diesem Fall auf dem OP-Tisch vor der Narkose. Der Patient denkt vermutlich nicht darüber nach, wie er sich gerade fühlt, sondern imaginiert sich ein postoperatives Szenario, was irgendwo zwischen glimpflich und katastrophal liegen kann. Er fürchtet, aber spürt den Schmerz nicht. Er hat noch kein Tracheostoma, aber atmet mental schon dadurch. Er redet mit der Anästhesie, doch sieht sich in der Zukunft schon schweigen. Die Gegenwart wird nicht zum Vergleich gezogen, sondern was bald Vergangenheit sein wird der Zukunft gegenübergestellt. Womöglich sieht er was ist, aber vielmehr betrachtet er, was er war und durch die operative Veränderung nicht mehr sein wird. Während wir den Patienten für die Narkose vorbereiten, durchlebt er eine Verlustaversion, die ihn nach dem Status quo sehnen lässt, aber er dennoch die Gewissheit hat, dass dieser nicht bestehen kann bzw. auch lebenslimitierende Folgen haben könnte. 

Zudem erachte ich es als schwierig, ein emotionales Problem mit faktischer Darlegung lösen zu wollen. Selbstverständlich kann der Behandelnde dem Patienten das Prozedere inklusive der Konsequenzen erklären und für ihn greifbar machen, doch er kann ihn diesen Zustand nicht fühlen lassen. Die Aufarbeitung wird erst mit der postoperativen Wahrnehmung möglich, da sich hierbei die komplexe Gefühlswelt erstmalig an die Veränderungen adaptieren kann. Bei einer komplikationslosen Implantierung von Osteosynthesematerial und dessen Entfernung nach einigen Monaten könnte der Patient einer nächsten Operation dieser Art mit Zuversicht begegnen. Bleibt man beim Beispiel des Tracheostomas, muss der Träger den Umgang, die begleitende Wahrnehmung und dessen Akzeptanz erlernen. Der Hustenreiz beim Berühren der Tracheawand, der häufige Sekretfluss, die temporäre Einschränkung der Kommunikation durch einen Verlust des Sprechens. Im Vorfeld darüber zu unterrichtet zu werden, kann hilfreich sein, doch es liegt ein immenser Unterschied zwischen dem Wissen, dass man für einige Zeit nicht in der Lage sein, sich verbal zu äußern und dem Gefühl der Isolation und des Missverständnisses, was durch diesen Verlust hervorgerufen wird. 

Was kann man in diesem Moment tun? Sicherlich ist eine Prämedikation sinnvoll, doch diese scheint mir, wie jede andere Maßnahme während dieses Lernprozesses nur unterstützend. Meines Erachtens sollte der Fokus auf der humanistischen, emotionalen Begleitung liegen. Letztendlich ist es der Patient, der von sich aus erlernen muss, mit jenen neuen Gefühlen und Lebensbedingungen umzugehen. Wir können lediglich Geduld und Empathie zeigen, da dieser Weg mit großer Sicherheit nicht linear stattfinden wird. Ein guter Tag, zwei schlechte, zwei gute, wieder ein schlechter, usw. Die meisten werden diese Fluktuation nachempfinden können, weil es nur allzu menschlich ist, sich den Entwicklungen der Zeit unterlegen zu fühlen, wenn man keine Antwort für den Lauf der Dinge findet oder das Narrativ sich auf die Katastrophe hinbewegt. 

Wie beim Versuch, das emotionale Problem mit Fakten zu lösen, spiegelt sich hier Camus‘ Ansicht des Absurden wider [2]. Wie kann uns eine nicht-menschliche Welt die Antwort auf menschliche Fragestellungen geben? Wie kann man sich auf ein Gefühl vorbereiten, wenn man es nur vollständig verstehen kann, wenn man es selbst gefühlt hat? Dieses Dilemma scheint präoperativ eine enorme Größe zu haben, doch der Hauptfokus bleibt bei der postoperativen Aufarbeitung. Um zurück zur Ausgangsthese zu kommen: Soll der Mensch glauben, dass sich alles irgendwann dem Guten zuwenden wird, dass es der Wille einer übernatürlichen Macht ist, sei es Gott, das Schicksal oder wie auch immer man sie nennen mag. Braucht man eine gewisse „Amor Fati“, wie es Nietzsche beschrieb, um in jeglichen Widrigkeiten Sinn und Akzeptanz zu finden?[3] Es ist fraglich, ob eine Korrelation zwischen Gläubigkeit und postoperativer Zuversicht besteht. Meines Erachtens ist es genauso gut vorstellbar, wie die Tatsache, dass die erste negative Erfahrung diesen Glauben erschüttern könnte. Ist es letztendlich nicht eine Frage des Lebens? Ob man daran glaubt, dass es Sinnhaftigkeit besitzt, weiterzumachen, obwohl nichts besser zu werden scheint? Kann der Glaube an das eigene Leben unter den Umständen weiter bestehen? 

Man sollte keineswegs pauschalisieren, dass jede Entwicklung gut ist. Viel wichtiger als die Bewertung ist jedoch die bestmögliche Anpassung an die neuen Zustände und eine gemeinsame Lösungsfindung mit dem Patienten. Es ist möglich, in diesem Fall in der Retrospektive zu verharren und sich dadurch einen Eskapismus zu schaffen, der das gegenwärtige Leben im Hintergrund verblassen lässt oder sich der Zukunft zuzuwenden und gemeinsam, nach dem patienteneigenen Ermessen, das Beste aus den Möglichkeiten auszuschöpfen, um dem Unveränderlichen weitestgehend entgegenzuwirken. Natürlich wird es kein leichtes Vorhaben. Manchmal wird es mit Sicherheit ans Unmögliche grenzen, aber ich glaube, dass der Versuch sich durch den unermesslichen Wert des Lebens lohnt, damit man sagen kann, dass man alles probiert habe, diesem teuren Gut dessen Glanz zurückzugeben. Wir können den Verlauf vermutlich nicht verändern, aber definitiv auf das Ergebnis aufpassen und versuchen, es dem Besseren zuzuwenden. 

[1] https://www.duden.de/rechtschreibung/Ohnmacht

[2] Albert Camus – Der Mythos des Sisyphus (1942)

[3] Friedrich Nietzsche – Die fröhliche Wissenschaft (1882)

Wortwörtlich

Die gewohnte Metapher: Der Tellerrand als Grenze vom Wahrnehmbaren zum Abstrakten, vom Bekannten ins Unerforschte, vom Begrenzten ins Unendliche. Dazu erscheint mir das Bild von Flammarions Holzstich, auf dem ein Mann seinen Kopf aus der Sternenkuppel steckt, um zu erforschen, was sich hinter ihr befindet. Doch der Tellerrand muss nicht zwangsläufig mit großartigen Dingen wie dem Universum zusammenstehen, sondern ist auch in den Gewohnheiten- und Selbstverständlichkeiten des Alltags präsent. Bei einer Sache findet man ihn übermäßig häufig: beim Essen. Man könnte meinen, der einzige Zweck über ihn hinwegzuschauen, bestände darin, seine Aufmerksamkeit auf die begleitende Beschallung von Serien oder dem Handy zu richten. Warum sollte man beim Essen darüber hinausschauen? Immerhin vergrößert es vehement die Chance zu kleckern. Spaß beiseite! 

Was meine ich mit dem zu überwindenden Tellerrand, wenn es sich nicht auf das Umfeld bezieht? Es ist sogar von essenzieller Bedeutung, den Blick nicht über die Begrenzung zu schwenken, sondern ihn auf der gefüllten Keramikfläche zu belassen. Was sehen wir? Unsere Nahrung! Was sehen wir nicht? Ihren gesamten Weg bis dahin. Nehmen wir als Beispiel ein simples, aber äußerst befriedigendes Gericht: ein Schnitzel mit Kartoffelbrei und Mischgemüse. Für die Rohversion der Beilagen ist es eine einfache Sache. Sie werden als Saat in die Erde gesetzt, verweilen dort, bis sie reif sind, werden geerntet, eventuell noch verarbeitet und anschließend in die Verkaufshallen transportiert. Doch was ist mit dem Schnitzel? Manchmal habe ich das Gefühl, dass man seine Herkunft vergessen hat. Das Ferkel erblickt das Licht der Welt und befindet sich in Gefangenschaft. Im besseren Fall bekommt es viel Platz und Zuneigung, im schlechtesten und üblichen Fall ca. einen Quadratmeter voller Fäkalien [1] [2]. Dort verbringen sie den Großteil ihrer durch die Wirtschaft verkürzte Lebenszeit. Anstelle ein Alter von 10-15 Jahren zu erreichen, werden die meisten Schweine nach 6 Monaten geschlachtet. Das sind entweder 5 % oder 3,33 % ihrer möglichen Lebenszeit. Bezieht man diese Werte auf das Durchschnittsalter einer deutschen Frau (83,4 Jahre) erhält man entweder 4,17 Jahre (5 %) oder 2,78 Jahre (3,33 %). Um die Sachlage zu verdeutlichen, könnte man sich vorstellen wie man ein Kindergartenkind, was mit seinen Freunden spielt, entführen und ermorden lässt. Ein grausamer Gedanke! Wie können wir diesen Missstand bei dem einen bewusstseinsfähigen Wesen ablehnen und bei vielen anderen befürworten? 

Ist der Begriff Mord in diesem Fall überzogen? Meines Erachtens nicht. Laut der Definition ist ein Mörder jemand, der „aus Mordlust, …, aus Habgier oder sonst niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam… einen Menschen tötet.“ [5] Mir ist bewusst, dass sich hierbei nur auf den Menschen bezogen wird, doch die Beweggründe und die Durchführung können auf jedes andere Lebewesen übertragen werden, was eine Aktualisierung sinnvoll macht. Wie würde man die Tilgung des Lebens bezeichnen, wenn man einem Kätzchen den Kopf zerstampft? Würde man hierbei nicht von Mord sprechen, obwohl es grausam ist und aus niedrigen Beweggründen geschah? Ist der Weg vom unwissenden Schwein auf die Schlachtbank nicht heimtückisch? Ist der Genuss von Fleisch ein „hoher“ Beweggrund, der es rechtfertigen könnte? Es geht hier nicht, um den Erhalt des eigenen Überlebens, sondern um die Bereicherung des eigenen Lebens durch ein anderes. Es gibt genügend Alternativen, die den Tod verhindern und trotzdem unseren Kalorienbedarf decken könnten. Ich schließe von diesem Argument Menschen mit Nahrungsunverträglichkeiten sowie gewissen körperlichen und psychischen Erkrankungen aus, da ihre Nahrungsauswahl durch diese Umstände begrenzt ist. Was sie dennoch machen können, ist den größtmöglichen Beitrag zur Minimierung des Leids zu leisten, indem sie beispielsweise auf die Haltungsform wertlegen. Es geht hierbei auch nicht um eine Missionierung zum Vegetarismus oder Veganismus. Vielmehr sollen die Menschen ihren Bezug zur Nahrung wiedererlangen. Was in der Urzeit noch durch die eigene Hand geschah, wird mittlerweile von Stellvertretern ausgeführt, die dafür sorgen, dass wir es bequem im Laden kaufen können, ohne mit diesen Arbeitsschritten in Berührung zu kommen. 400 g Schweinehack im Plastikbehälter sind nicht nur 400 g, sondern ein ganzes Tier, mit dem dazugehörigen Umfeld und Leben. Ein Kilo Kartoffeln sind nicht nur ein Kilo, sondern mehrere Pflanzen, die sich den Boden geteilt haben, der sie ernährt hat. Eine Tüte Chips sind „Kartoffeln, Sonnenblumenöl, Aroma, Speisesalz, Hefeextrakt (enthält GERSTE), Paprikapulver, Zucker, Zwiebelpulver, Knoblauchpulver, Farbstoff (Paprikaextrakt), Raucharoma, Gewürzextrakte. [6] 

Auch die Distanz, die Lebensmittel auf sich nehmen müssen, damit sie uns erreichen, gerät schnell in Vergessenheit. Ein Griff in die Tüte gebrannter Mandeln vom Weihnachtsmarkt ist normalerweise mehrere tausend Kilometer entfernt anstatt einer halben Armlänge, da sie aus Spanien oder (weltweit die meisten) Kalifornien einreisen müssen. Was für uns eine kurze Fahrt oder gar ein Spaziergang in den Supermarkt ist, stellt für dieses Steinobst eine halbe Weltreise dar. 

Je mehr wir über den Tellerrand blicken, desto mehr können wir von einer Sache machen: Dankbarkeit zeigen! Wir haben die Möglichkeit, täglich auf diese Lebensmittel zuzugreifen. Wenn es an einem Tag mal ausverkauft ist, gehen wir in einen anderen Laden oder versuchen es am nächsten Tag erneut. Das ist ein Luxus, der für uns selbstverständlich ist. Für viele Orte auf der Welt ist es das nicht. Was für uns wie ein „Die Ossis haben keine Bananen“-Witz scheint, ist in ärmeren Ländern, vor allem in Afrika, die bittere Realität. [8] Unsere Mahlzeiten aufzuessen, um Mamas drohendem Finger mit der Floskel „Denk an die Kinder in Afrika!“ zu umgehen, ist keinesfalls die Lösung. Vielmehr sollten wir wieder eine Sensibilität gegenüber unserer Nahrung erlangen. Hinterfragen, unter welchen Bedingungen sie hergestellt wird, welches tierische und menschliche Leid sie verursacht, was in ihr steckt und ob es wirklich nötig ist, sie im Übermaß einzukaufen. Ich ärgere mich oft genug, dass ich Lebensmittel wegwerfe, weil ich plötzlich kein Verlangen mehr nach ihnen verspüre oder aus Hunger etwas anderes gegessen habe, wodurch sie letztendlich schlecht geworden sind. Man könnte mir Heuchelei vorwerfen. Letzten Endes geht es nicht um Perfektionismus, sondern um das Bewusstsein; sich Fehler eingestehen, nach einer Besserung zu streben und diese umzusetzen. 

Es kann beängstigend sein, über die gewohnte Begrenzung zu blicken. Neue und vor allem gegensätzliche Erkenntnisse lauern dahinter. In diesem Fall könnten sie den Appetit verderben. Wäre das etwas Schlechtes? Nein, denn das Gesehene ist verächtlich.  

 
 
1 https://www.destatis.de/DE/Themen/Laender-Regionen/Internationales/Thema/landwirtschaft-fischerei/tierhaltung-fleischkonsum/_inhalt.html
2 https://www.bundestag.de/resource/blob/406728/6b7b768618632b81b7c8b8e2adba8bf0/WD-5-135-08-pdf-data.pdf
[3] https://www.peta.de/themen/lebenserwartung-tiere/?gclid=Cj0KCQiAu62QBhC7ARIsALXijXSaiAbvctMST8GHEmmKW6PL5IBe_TSf08rAtsCwfDOm84sIPHHLBdcaAjzGEALw_wcB
[4] https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Sterbefaelle-Lebenserwartung/_inhalt.html
[5] https://dejure.org/gesetze/StGB/211.html
[6] https://www.funny-frisch.de/produkte/chipsfrisch/chipsfrisch-ungarisch.html#:~:text=Kartoffeln%2C%20Sonnenblumen%C3%B6l%2C%20Aroma%2C%20Speisesalz,Paprikaextrakt)%2C%20Raucharoma%2C%20Gew%C3%BCrzextrakte.
[7] https://www.atlasbig.com/de-de/weltweit-mandel-produktion 
[8] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/165561/umfrage/am-staerksten-von-hunger-betroffene-laender-weltweit-nach-dem-welthunger-index/ 

Das ewige Leben - zu welchem Preis?

 

Eine unserer größten Gemeinsamkeiten, die uns gar menschlich macht, ist die simple Tatsache, dass unser Leben in absehbarer Zeit sein Ende finden wird. Jedoch strebt der Mensch seit Anbeginn seines Bewusstseins und der damit einhergehenden Auseinandersetzung mit dem Tod zur Umgehung des Unvermeidbaren. Seien es Konzepte wie Karma und Reinkarnation, postmortale Aufenthalte an spirituellen Orten oder die Fähigkeit, selbst Götter zu sein, was schlichtweg die Erhabenheit über die Natur bedeutet, sie teilen alle die Ablehnung der Endgültigkeit des weltlichen Ablebens. Selbst in Atheisten findet man das Verlangen zum Fortbestehen, auch wenn sie diesen Vorstellungen keinen Glauben schenken und sich überwiegend sicher sind, dass der Tod einen physischen Schlussstrich zieht. Es scheint, als trage das Leben in seiner Essenz den Wert, dass man nach dessen Fortbestehen strebe, jedenfalls aus einer jugendlichen und gesunden Perspektive. Wenn man die Zeit, die man überwiegend als Geschenk betrachtet, unerschöpflich besitzt, bringt es mit großer Sicherheit allerhand Vorteile, aber genauso Probleme hervor. Nichts auf dieser Welt kann von vollständiger Reinheit geschaffen sein, warum sollte es daher das ewige Leben sein? 
Im weiteren Verlauf dieses Essays beziehe ich mich überwiegend auf das biologische Leben und lasse den metaphysischen Aspekt außer Acht, da dieser gänzlich andere Lösungsansätze benötigt. 
Eines der grundlegenden Probleme ist mathematischer Natur. Stoppt man den Abbau bei gleichbleibender Produktion, erfolgt ein Wachstum. Nehme man an, ab diesem Moment versterbe niemand mehr und die Welt würde jährlich um die Geburtenrate von 2020 (82.377.000 Geburten)[2] bereichert werden, würde die Weltbevölkerung in 10 Jahren von 7,79 Milliarden auf 8,61 Milliarden, anstelle von 8,013 Milliarden ansteigen, wenn man die durchschnittliche globale Sterblichkeit (ca. 60 Mio.[3]) der letzten 5 Jahre hochrechne. Innerhalb dieser Zeitspanne würden ohne den Tod 600 Mio. Menschen mehr zeitgleich existieren, ohne dass eine Senkung dieser Zahl in Aussicht ist. Weshalb ist das relevant? Immer wieder hört man im Zusammenhang mit der Weltbevölkerung das Wort „Überbevölkerung“, was so viel bedeutet, dass der menschliche Verbrauch höher als die Ressourcen unseres Planeten ist und diese zu einem gewissen Zeitpunkt erschöpft sein werden.[1] Diese Beschreibung wird bereits ohne die ausbleibende Sterblichkeit verwendet, was eine Verschlechterung der Lage erkennbar werden lässt. Um dieser Situation zu entgehen, müsste man entweder die Geburten stoppen oder das Sterben wieder möglich machen, was bedeutet, dass man entweder die Chance auf das Geschenk des Lebens verwehrt oder jemand anderen zum Tode verurteilt, dessen Tod nichts Gegebenes mehr wäre. Nach welchen Kriterien entschiede man sich dafür? Würde man die Todesstrafe erneut einführen, um schwerwiegende Verbrechen zu bestrafen? Würde der Tod denjenigen nicht entmenschlichen, da er einem Tier gleichgesetzt wird und nicht Seinesgleichen? Spräche das Vergehen etwa für die Herabsetzung der Menschlichkeit? Wie könnte man jemanden etwas wieder nehmen, was man ihm einst geschenkt hatte? 
Selbstverständlich gehe ich in diesem Fall davon aus, dass jeder Mensch das Recht auf Unsterblichkeit bekäme, da man sonst in der grundlegenden Gleichwertigkeit differenzieren würde. Jedoch heißt, ein besagtes Recht auf etwas zu haben, keine Garantie dafür zu sein. Die begrenzte Kapazität auf dieser Welt würde es zu einem ökonomischen Problem machen. Um der Überbevölkerung zu entgehen, träfe die Nachfrage von ca. 7 Milliarden Menschen auf ein Angebot von geringen Plätzen, was einen hohen Preis nach sich ziehen würde. Hierbei steht eher diese Tatsache im Vordergrund, als einen genauen Wert auf das Leben zu etikettieren, da es nur darum geht, ein Prinzip zu verdeutlichen, was keiner kalten numerischen Analyse bedarf. Demnach könnten sich nur diejenigen das ewige Leben leisten, welche die nötigen Mittel dazu haben, sprich Geld. Könnte man mit dieser Tatsache diese Möglichkeit hervorbringen? Sie zeige ein klares Werturteil und würde dem Großteil der Weltbevölkerung die Möglichkeit verschließen. Zudem ist zweifelhaft, ob finanzieller Reichtum als Indikator für eine Gewährung der Unsterblichkeit aussagekräftig wäre. 
Welche Kriterien kämen einem ewigen Fortbestehen näher als der materielle Reichtum? Zum einen der Geistige, welcher nicht zwangsläufig vom Ersten entkoppelt sein muss. Hierbei kommt jedoch die Frage auf, ob dieser nach 100 Jahren gleichwertig zu der Hochzeit dieser Person ist. Dabei ist die Intellektualität in Wissen und Weisheit zu unterscheiden. Das eine lässt sich zu jeder Zeit ansammeln, während das andere eher eine Mischung aus Erfahrung und Gelerntem darstellt. So schön die Theorie sein mag, wenn die Praxis, ergo das Leben, sie widerlegt, verblasst sie zu einem kognitiven Souvenir, welches durch seine Zwecklosigkeit irgendwann aus dem Geist verschwindet. Dennoch ist es wichtig, dass beides weitergegeben wird. Alles, was davon nicht genutzt oder geteilt wird, dient lediglich der Ansammlung. In diesem Hort besitzt es keinen Mehrwert, da es nicht zum Tragen kommt oder durch die Auseinandersetzung mit dem Leben gefeilt wird. Des Weiteren ist zu beachten, dass die geistigen Fähigkeiten erhalten bleiben, da neurodegenerative Prozesse diesen Quell austrocknen. Daher würde dieses Kriterium seine Macht verlieren, wenn der Träger sie für die Ewigkeit nicht behalten würde. 
Ein anderer Aspekt wäre der soziale Status und die damit einhergehende Arbeit für die Allgemeinheit. Benevolenz und Aufopferung für eine Sache, die außer einem steht und der persönlichen Ressourcen bedarf, stellen ein Gut dar, welches für die Ewigkeit fortbestehen sollte. Auch hierbei stellt sich die Frage nach dem Aufrechterhalten der Taten. Ich würde gern für alle Menschen gleichsam argumentieren, aber aufgrund der begrenzten Kapazität muss man sich für bestimmte Richtlinien entscheiden. Was ist also, wenn all das Geschaffene und Geleistete durch einen Unfall oder Krankheit nicht mehr gewährleistet werden kann. Die Argumentation für das Vollbrachte ist logisch, aber reicht sie aus, um jemanden die Unsterblichkeit zu gewähren, obwohl der Mensch nichts mehr davon aufbringen kann? 
Bisher macht es den Eindruck, als wäre das ewige Leben an sich nicht erstrebenswert, da es weiterhin Zerfall und zu ertragendes Leid beinhaltet. Daher scheint es, als benötigte man für das Ertragen der Ewigkeit die fortbestehende physische, psychische und kognitive Gesundheit. Wer würde für immer mit einer verzehrenden Krankheit oder in Gefangenschaft ohne jegliche Aussicht auf Verbesserung leben wollen? Die Differenzierung des Alters spielt hierbei eine Rolle. Offensichtlich ist in diesem Fall das Augenmerk auf das Biologische, anstelle des Chronologischen zu richten.[4] Wie bereits erwähnt, brächte es nichts, eine Gleichheit der beiden zu erzeugen, da mit diesem der Abbau einhergehen würde. Letztendlich müsste man die Leistung erhalten, während die Zeit voranschreitet. Das Stichwort lautet ewige Jugend. Nicht in dem Sinne unschuldig und unverblümt zu sein, sondern die körperlichen Prozesse in einer gewissen Lebensphase an und stabil zu halten. So stoppe man die Entwicklung nach Vollendung der körperlichen Ausreifung, bevor dieser beginnt, sich abzubauen. In diesem Fall müsste man diesem Zustand ohne die Bildung schwerwiegender irreversibler Erkrankungen wie Organfehlern oder Stoffwechselerkrankungen erreichen, da sonst der Grundzustand der Erhaltungsstase beeinträchtigt wäre. Bisher erzeugt das Beschriebene das Bild der Menschheitsoptimierung mit Beseitigung all dessen Fehler, wobei das bei Krankheiten kein erheblicher Verlust wäre. Schließlich beschäftigt sich die Praxis der Medizin alltäglich mit dieser Problematik. Einen komplizierteren Aspekt bilden hierbei Erbkrankheiten, bei welchen man nach dieser Logik von einem schlechteren Start ausginge, der demjenigen aufgrund biologischer Veränderungen das Recht auf das ewige Leben unter diesen Richtlinien verwehren würde. Meines Erachtens fördere dies weiterhin die Eugenetik, da man versuche, das bestmögliche Setup für die Nachkommen zu generieren, was bei einer angeborenen Behinderung nicht möglich wäre. Diese schiere Ungerechtigkeit, die den Betroffenen aufgrund von Tatsachen, die unbeeinflussbar sind, ein ewiges Fortbestehen nicht gewähren, ist demnach inakzeptabel, wenn man alles Leben an sich gleichwertig betrachtet. Wie weit würde man in diesem Fall gehen, um sich die Chance auf die Ewigkeit zu verwirklichen? Außerdem würden sich gewisse schädliche Verhaltensweise wie Nikotinkonsum während der Schwangerschaft oder eine Vernachlässigung des Kindes ebenfalls negativ auf die Durchsetzung dieses Gedankens auswirken. In diesem Fall bestrafe man den Nachkommen, ohne dass dieser sich schuldhaft gemacht hat. Müsse es für die Fehler seiner Eltern büßen? 
Man könnte meinen, dass die Aufhebung des Alterns eine der existenziellen Erfahrungen verwehrt, die im normalen Lebenslauf enthalten sind. Hierbei handelt es sich jedoch um einen Irrtum, da man die Differenzierung des Alters vorweg lässt. Der Mensch altere weiterhin chronologisch, was bedeute, dass er die Zeit durchlebt, es mit seinen Sinnen wahrnimmt und es dadurch als Erfahrung aufnimmt. Dies passiere jedoch unter einer anderen körperlichen und geistigen Verfassung, sodass man die Geschehnisse als 80-jährige/r in der Verfassung eines 30-jährigen Menschen erlebe. All der Reichtum an Erlebnissen und Durchlebten widerführe demjenigen vermutlich in einem besseren Allgemeinzustand, womit sich das „Entfallen des Alterns“ entkräften lässt. 
Da die biologische Unsterblichkeit unter den bisherigen Gesichtspunkten nicht universell umsetzbar scheint, wenden wir den Blick nur auf das metaphysische Fortbestehen, wobei sich hier auch keine zufriedenstellende Lösung zeigt. Unser Planet ist aus diversen Blickwinkeln eine tickende Zeitbombe. Ob aus soziopolitischer Sicht mit neu-aufflammenden, kriegerischen Konflikten, mit einem Waffenarsenal, welches alles Leben dieser Welt innerhalb von Minuten tilgen könnte, aus ökologischer Sicht mit den bereits bemerkbaren Folgen der Klimaerwärmung oder der astronomischen Sicht, dass unsere Sonnen den Planeten in ca. 7,6 Milliarden Jahren zerstören wird, spielt hierbei nur eine nebensächliche Rolle. [5] Die Schicksale jeder 7 Milliarden Individuen dieser Erde zu speichern, wäre eine schier zu große Datenmenge, um sie in einem Gehirn zu lagern. Zudem ist die Anzahl der Personen gering, die in unserer Zeit eine fortbestehende Bedeutung haben, welche mit dem Voranschreiten weiter abnimmt. So begegnen uns Akteure der jüngeren Geschichte, wie z. B. unsere Bundeskanzlerin häufiger als ein Gutsherr im Mittelalter. In günstigen Fällen sind diese Informationen irgendwo gespeichert, aber wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass man ihnen begegnet oder gar auf sie zugreift? Zudem hat es nur Gültigkeit, solange sie in deren Zeit von Bedeutung waren. Was ist mit dem Normalbürger, der in seiner eigenen Umwelt die Bedeutung von Familie, Freunden und anderen nahestehenden erfährt, aber letztendlich in makrokosmischer Betrachtung die Größe einer Zelle hat? Bestenfalls wird er von seinen nachkommenden Generationen in Gedanken gehalten, aber kann man das für die gesamte Weltbevölkerung im weiteren Verlauf der Zeit geltend machen? Ich bezweifle, dass genug Platz ist, um sich an jeden Einzelnen erinnern zu können und falls es doch funktionieren könnte, verweise ich auf das oben genannte Untergehen unseres Planeten, der alle Informationen mit sich nimmt, solange keine Expansion der Menschheit stattfindet oder andere Lebenswesen existieren, die mit diesen Speichersätzen etwas anfangen können. 
Die gesamte Thematik lässt eine weitere Frage aufkommen: Gibt uns die begrenzte Zeit nicht die Notwendigkeit zum Handeln, was in diesem Fall zu leben bedeutet? Hieraus ergibt sich die Wichtigkeit der Reflexion, da dies unter normalen Umständen ein Nullsummenspiel ist. Womit oder mit wem verbringe ich meine Zeit? Was braucht akut meine Aufmerksamkeit und was kann noch warten? Wenn man einen unendlichen Zugang zu etwas hat, verliert es irgendwann seinen Wert. Man schenkt der Sache weniger Beachtung, da man sich darüber keine Sorgen machen muss. Allgemein ist fraglich, wie die Unendlichkeit unsere Handlungen verändern würde. Konzentriere man sich erst auf das Aufwachsen der Kinder, bis sie ihr Wachstum vollenden oder arbeite man für 50 Jahre, bevor man sich entscheidet, eine Familie zu gründen. Sicherlich führe es vom normalen Arbeitsweg weg, da man nach einer gewissen Arbeitszeit nicht mehr in den Ruhestand müsste. Wie finanziere man sich die Ewigkeit? In einer Fluktuation zwischen Leistungs- und Ruhephasen oder spare man so lange, dass man sich unter den üblichen Lebensumständen sicher sein kann, dass man nie wieder einen Finger rühren müsse. Letztendlich ist es möglich, dass man sich die Zeit für die Dinge nimmt, die einem am Herzen liegen, aber warum sollte man die Energie aufbringen, darüber nachzudenken, ob man wirklich das kostbare Leben in etwas investiert oder einen Schlussstrich zieht, da der Verlust schwerer wiegt. Wie bereits erwähnt, kann man nichts verlieren, wovon man eine unerschöpfliche Quelle besitzt. Um ehrlich zu sein, ist dieser Gedanke, nicht über das eigene Leben nachzudenken, für mich schwer vorstellbar, da ich mich ausgiebig mit der Thematik beschäftigt haben muss, wenn ich bereitwillig einen Essay darüber verfasse, um noch tiefer darin einzutauchen. 
Da ich diesem Text nicht die Ewigkeit gewähren möchte, weil ich ihn immer weiter schreiben müsste, fasse ich ihn zusammen. Wie oben gezeigt, glaube ich, dass das Konzept des ewigen Lebens ohne Bezug auf das Alter zu nehmen, aufgrund von mangelnden Ressourcen unvorstellbar ist, um es für jeden Menschen dieser Erde möglich zu machen. Warum sollten wir den kostbarsten Gegenstand, den wir besitzen, einer bestimmten Gesellschaftsschicht vorenthalten, die eventuell nur durch Glück oder Abstammung zu diesen Umständen gekommen ist. Zudem benachteilige es Personen, die trotz eigener Unschuld von der Möglichkeit ausgeschlossen werden. Meines Erachtens zeigt sich hier kein gerechtes System. Des Weiteren bietet das ewige Leben nichts, solange nicht der Altersprozess aufgehoben wird, da sonst die aktive Anteilnahme dem passiven Verfall weichen würde. Daher ist das ewige Leben unter den gegebenen Gesichtspunkten nicht erstrebenswert. Was bleibt uns bis zur Entdeckung der fortwährenden Jugend? Mit jeder Zeile dieses Essays schreitet die Zeit unwiderruflich voran. Man stoppt den Verlauf nicht, doch man kann ihn mit Sinnhaftigkeit gestalten. Dabei muss sich jeder selbst beantworten, was er vom Leben erwarte, ändern, was möglich und akzeptieren, was unvermeidbar ist. In diesem Sinne: Man lebe in der Zeit, da sie nicht verbleibt! 
 



 
[1] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12281798/
[2] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1816/umfrage/zuwachs-der-weltbevoelkerung/
[3] https://www.bib.bund.de/DE/Fakten/Fakt/W01-Lebendgeborene-Gestorbene-Welt-ab-1950.html;jsessionid=6D65E3FE9DA14F808DB4A0CAA5C9BEE9.1_cid389?nn=9995918
[4] https://www.pschyrembel.de/Chronologisches%20Alter/B1D42/doc/ 
[5] https://www.scinexx.de/news/technik/sonne-wird-erde-schlucken/ 


Killing your Grandpa

Jedes Nachkommens Existenz beruht auf ihm und die meisten sind froh, dass sie sich zu ihrer Lebzeit fortpflanzten. Natürlich ist von unseren Großvätern die Rede. Der Erzeuger des Erzeugers des Gezeugten. Um genau dieses Familienmitglied kursiert ein Paradoxon und nein, es sind nicht dessen unerklärliche Fehlhandlungen aufgrund seiner vermutlichen Demenz.

Es handelt sich vielmehr um ein metaphysisches Problem. 

Stell dir vor, du würdest in die Zeit zurückreisen und deinen Großvater umbringen. Was würde mit dir passieren? 

Bevor wir uns dem Problem genauer widmen, noch eine Frage vorweg. Warum der ganze Aufwand? Was muss der eigene Großvater getan haben, um dessen Enkel zu motivieren, eine Zeitmaschine zu erfinden, was für unsere Maßstäbe ein weltverändernder Fortschritt wäre, und dadurch seine eigene Existenz aufs Spiel zu setzen? Ich schließe hierbei kategorisch aus, dass es sich um einen Nachkommen Adolf Hitlers handelt, da es das „Tötet man Baby-Hitler“-Dilemma aufbringen würde, was nicht der Sinn dieses Textes sein soll. Aber um es kurz zu beantworten, würde ich die Zeitmaschine nicht nutzen, um ihn zu töten, sondern erst mal dafür zu sorgen, dass er für sein Kunststudium an der Wiener Kunstakademie zugelassen wird. Eventuell hätte das ein großes Unheil dieser Welt verhindern können, wovon einige Menschen scheinbar immer noch nicht das Ausmaß an Dehumanisierung begriffen haben. 

Demnach stellt sich die Frage, wer überhaupt die Macht beanspruchen darf, in die raumzeitlichen Gefüge des Kosmos einzugreifen und somit den kompletten Verlauf der Geschichte zu verändern. Wie weit wird der Mensch noch in die Natur vordringen, bis er von ihr endlich in seine irdischen Schranken verwiesen wird? Ich bevorzuge es, wenn die Menschheit keine Möglichkeit findet, es für unmöglich befindet, sich willkürlich retrograd durch die Zeit zu bewegen, weil es ihr hoffentlich Demut lehren wird. Ein kleines Erschaudern des arroganten Fundamentes, auf welchen wir uns als Herren der Natur erschaffen haben. 

Nachdem ich genug neben dem Thema philosophierte und so viel Zeit vergangen ist, dass auch ich der besagte Großvater sein könnte, komme ich nun zurück zum Thema. 
 Das Paradoxon besagt, dass man durch das Töten des Großvaters erst selbst nicht existieren würde, da die biologische Grundlage nicht verfügbar wäre, aber es dennoch tut, da niemand die Tat verhindern könnte. Ziemlich kompliziert? Auf jeden Fall! 

Wie könnte man dieses Paradoxon nun lösen? Zum einen eine simple Lösung: Er ist nicht dein Großvater, weil deine Großmutter eine Affäre hatte und es ihm nie erzählte. Autsch, das tut weh.

Um die Sache weniger intrigant und mehr empirisch-rational anzugehen, gibt es einige Möglichkeiten. Zum einen könnte man davon ausgehen, dass die Kausalität der Ereignisse doch nicht unterbrochen wurde und der gesamte Anteil an Nachkommen aus der Zeitlinie entfernt wird, denn um die Vergangenheit zu ändern, muss sie erst mal geschehen. Das heißt, dass das normale Zeitgefüge erst einmal normal stattfindet. Demnach durchläuft man sein ganzes Leben bis zu dem Moment, an dem man sich entscheidet, eine Zeitmaschine zu bauen und seinem Großvater verdeutlicht, wie kurz das Leben sein kann. Nun kommt es durch die Zeitreise zu einem Zusammentreffen mit der Zielperson. 

Da stellt sich die Frage, ob dieser Eingriff demnach zu der richtigen Zeitlinie gehört, da er im unwiderruflichen Verlauf der Zeit stattfindet. Theoretisch wäre diese Verbindung möglich, dass die Zukunft schon immer die Vergangenheit durch Zeitreisen beeinflusst hat, jedoch trägt es nicht zu unserer Lösung bei, da wir das qualitative Zeitgeschehen nicht ändern könnten, um nicht selbst aus der Geschichtsschreibung gestrichen zu werden. Nach dieser Theorie müsste unser Besuch das Geschehene so verlaufen lassen, dass das letztendliche Resultat unsere Geburt und unsere Zeitmaschine ist. 

Wie könnte das Aussehen? Zum einen könnten wir beim Mord scheitern und selbst durch die Notwehr unseres Großvaters sterben. Somit bliebe die Kausalität erhalten, da es immer bestimmt war, dass wir zu diesem Zeitpunkt sterben. Da bekommen Nietzsches Worte „Einige werden posthum geboren“ eine gänzlich neue Bedeutung. Für unser bürokratisches Deutschland wären eine demnach ausbleibende Geburtsurkunde und ein Personalausweis aus der Zukunft ein Grauen, was eine ordentliche Bestattung erschweren würde.

Eine andere nette Variante wäre ein „inszenierter Mord“, um ihm ein neues Leben mit seiner Geliebten, welche sich als unsere Großmutter herausstellt, zu ermöglichen, da er sonst keine Möglichkeit sieht, aus seinem konservativen Elternhaus zu entfliehen, welches nie die Bindung zu einem solchen Freigeist tolerieren würde. Dieses zweite Beispiel erinnert vom Grundprinzip her an „Zurück an die Zukunft“, welches die Existenz des Enkels retten würde. Daher finde ich diese Lösung als ungeeignet, da hier das Ableben des Großvaters nicht ohne Widerspruch stattfinden könnte.

Eine Alternative, welches das Problem besser lösen würde, aber nicht wirklich Zeitreisen, sondern eher Raumreisen umfasst, wäre die Abspaltung der Zeitlinie in eine Neue ohne Großvater und dessen Filialgeneration. Der Enkel würde demnach in der Zeit zurückreisen und den Mord begehen, aber könnte unversehrt in seine Gegenwart zurückkehren, weil in seinem Universum die Kausalität der Ereignisse nicht verletzt wurde. Vielmehr besagt die Theorie, dass diese Anomalie des Zeitgeschehens ein Paralleluniversum erschaffen würde. Ein stimmgabelförmiges Muster verdeutlicht diesen Prozess. Entweder Option 1 „Großvater“ lebt und der Enkel wird wahrscheinlich geboren oder Option 2 „Großvater stirbt“. Jede Entscheidung erschafft einen neuen Pfad der Geschichte. Da unsere gegebene Gegenwart den alten Mann als lebendig ansieht. ist die erste Möglichkeit für unser Universum passend und alle anderen Versionen sind als Paralleluniversen zu spekulieren. 

Beide Erklärungen sind leider nicht befriedigend, weil es keine akkurate Lösung für dieses Problem gibt. Entweder wird der Tod des Großvaters abgewandt, weil sonst die Kontinuität der Vergangenheits-Zukunft-Verbindung unmöglich wäre oder es werden parallele Zeitlinien erschaffen, in denen die Möglichkeit besteht, aber uns nicht beeinflusst. 

Ich bin der Ansicht, dass es keine fortschreitende Wechselwirkung zwischen Großvater und Enkel geben würde. Durch das erstmalige Vorhandensein des alten Mannes und dessen herbeigeführtes Ableben hört sein Anteil am Zeitgeschehen auf. Das Ende seines biologischen Lebens und demnach die Abwesenheit seiner Lebenseinflüsse könnten nicht einfach rekonstruiert werden. 
 Was wahrhaftig tot ist, kann nicht rezidivierend leben und sterben. Sein Ende bedeutet auch das seiner Familie, welches in einem Zeitstrahl erst linear mit einem Bogen zurück und anschließend zur Ausradierung dieses spezifischen Abschnitts führen würde. 

Leider ist dies nur spekulativ und in der Theorie wurde noch keine entsprechende Lösung gefunden.

Referenz-problematik im zeitphilo-sophischen Ansatz des Präsentismus

Die Zeit ist ein geheimnisvolles und gar vielseitiges Konstrukt. Während ich diesen Satz schreibe, befindet sich dieser in der Gegenwart, aber sobald das Satzzeichen gesetzt ist, gehört er zur Vergangenheit. Demnach stellt sich die Frage, wie die Zeit zu werten ist und welche Gewichtung ihre einzelnen Teilabschnitte haben sollten. Ist das Präsens unser Nonplusultra und alles herum unterliegt ihr? Immerhin ist die punktgenaue Existenz nur zu diesem Zeitpunkt vorhanden, denn sonst müsste man den „Ist-Zustand“ an die jeweilige Zeitform anpassen. 

Die Vertreter der zeitphilosophischen Strömung des „Präsentismus“ befassen sich mit genau dieser Ansicht. Alles Derzeitige existiert und alles Vergangene sowie alles Zukünftige nicht. Dass die Zukunft noch nicht da sein kann und die Vergangenheit ihre Existenz an die Gegenwart abgab, ist wahrscheinlich selbstverständlich. Kein anderer Abschnitt wird ihr im Existenzgehalt gerecht. Zur Verdeutlichung dienen die drei Verben Erinnern, Fühlen, Planen.

Die Retrospektive, in der wir unsere persönlich gefilterte Speicherung aus dem Gedächtnis zurückrufen, ist die Erinnerung. Der letzte Urlaub liegt eine Weile zurück und wir versuchen ihn uns in die Gegenwart zurückzubringen. Leider vergebens! Wir schießen Bilder und hasten von einer Sehenswürdigkeit zur Nächsten, nur um später ein mentales Souvenir zu haben. Wir kommen jedoch nicht an den Ort zurück, sondern nur an eine Einbildung von ihm, denn er besitzt keine momentan-physische Existenz im eigenen Leben. Vielmehr erleben wir in der Gegenwart das Gefühl, welches unser limbisches System zu dieser Erinnerung abgespeichert hat.
 Demnach können wir im Präsens nur fühlen. Wir nehmen die Welt mit unseren Sinnen wahr und verlieren uns im Vorherigen oder Kommenden, wenn wir unsere Aufmerksamkeit nicht aufrechterhalten. Der Buddhismus bezeichnet diesen Zustand der mentalen Unkontrollierbarkeit als „Monkey Mind“ (vergleichbar dt. Gedankenkarussell). Aus dieser Ansicht heraus würde man sich ständig mit irrelevanten und vor allem nicht-existenten Dingen beschäftigen, in welche all unsere kostbare Zeit und Energie fließen würde. Daher wäre alles ohne sensorisches Korrelat erst mal nicht existent. Deswegen sollte man, wenn man die richtige gegenwärtige Existenz erfassen will, täglich meditieren, um einen festen Anker im Hier und Jetzt zu erschaffen. 
 Die Zukunft ist der leichteste Abschnitt zum Klassifizieren. Metaphorisch wäre es eine blanke Leinwand, die man allmählich aktiv oder passiv gestaltet. Alles, was wir selbst auf diese freie Fläche projizieren wollen, planen wir in der Gegenwart, damit ein gewünschtes Ereignis irgendwann eintreffen wird. Es ist also noch nicht existent, sondern es besteht die Möglichkeit, dass es diesen Zustand bald erreicht. 

Es treten jedoch Schwierigkeiten auf, wenn man die Ansicht des Präsentismus auf singuläre Terme überträgt, welche sich auf einzelne Gegenstände oder Personen beziehen. Demnach wäre jedes Präteritum sowie Futur nicht existent und ihre Bestandteile auch nicht. Wenn wir im Bereich der Philosophie bleiben, ist die Antike ein gutes Beispiel. Die meisten Menschen würden den Namen Sokrates, Platon und Aristoteles Existenz zusagen. Immerhin beschäftigen wir uns im Rahmen der Allgemeinbildung mit ihren Theorien und sollen diese als real und seiend annehmen. Hierbei wird der Konflikt zwischen singulären Termen und dem Präsentismus bewusst. Wie soll man sich auf etwas beziehen, was keine reine Existenz besitzt, ohne dabei in die Fiktion abzuweichen? Wie soll einer solchen Aussage Sinnhaftigkeit zukommen?

Der schwierigere Zeitabschnitt ist die Vergangenheit, weshalb ich die Zukunft vorher klären werde. 
 Die folgenden Zeitabschnitte sind zu jedem Zeitpunkt rein spekulativ. Wir können planen, wir können wünschen, wir können träumen, aber über das Ausmaß der Realitätsentfaltung haben wir nur begrenzt Kontrolle. Daher, da es sich hierbei eher um ein Gedankenexperiment anstelle eines physischen Gegenwerts handelt, kann der Zukunft kein existenzielles Gewicht zukommen, da es in diesem Zustand nur einer Fantasie gleicht. Dieses kognitive Vorhandensein geht daher nur mit der Möglichkeit der Verwirklichung einher.

Weitaus schwieriger ist die Vergangenheit zu betrachten, denn das einst Geschehene hat durchaus Einfluss auf die weitere Kausalität des Raum-Zeit-Kontinuums. Wenn man diesen Fakt aberkennt, würde man jeglichen Fortschritt, der zur Entfaltung unserer Gegenwart geführt hat, missachten. Man kann wohl kaum leugnen, dass die sozial-politischen Ereignisse unserer Geschichte in einem Kausalzusammenhang stehen. Zwar nicht hundertprozentig, da die Komponente des Zufalls nicht außer Acht gelassen werden darf, aber immerhin scheinen die Geschehnisse in einem erklärbaren Verhältnis zueinanderzustehen. Von der Gründung des deutschen Kaiserreichs bis zur gegenwärtigen politischen Lage scheint ein „auf sich aufbauender“ Zeitstrahl vorhanden zu sein.
 Folgt man jedoch der Ansicht des Präsentismus, wären alle diese kumulativen Begebenheiten nicht existent und könnte demnach keine Rolle mehr in unserem Leben spielen. Wie kann man Vergangenes nun sinnvoll etablieren? 

Hierbei ist die Ansicht entscheidend, ob man etwas als existierend annimmt, obwohl es in einer reinen Form nicht vorhanden bzw. nicht mehr vorhanden ist. Würde man einen Christen Fragen, ob es Gott gibt, wäre seine Antwort sicherlich bejahend, obwohl dessen Dasein nie bestätigt wurde, wodurch er als singulärer Term als unsinnig angesehen werden könnte. Dennoch haben die meisten Menschen eine Assoziation zu dieser Figur. Obwohl man es nicht sieht, ist die Vergangenheit meistens nicht direkt spürbar, aber eindeutig omnipräsent. Alles um uns herum besitzt irgendwo einen Ursprung. Daher wäre eine subjektive Sinnbeimessung zu vergangenen Ereignissen eine Lösung. Auf jeden Fall für die Epochen, die man nicht selbst erlebt hat. 
 Für die eigenen biografischen Wegpunkte wäre diese Ansicht unsinnig. Wie soll man gegenwärtig existent sein, wenn die Geburt nun nicht mehr existiert. Für die persönliche Entwicklung könnte dies pathologische Einflüsse haben, denn wenn der Anfang bereits keine Sinnhaftigkeit besitzt, warum sollte es das Fortlaufende dann tun? Man könnte hierbei von einer nihilistischen Tendenz sprechen. 
 Sobald die Eltern versterben, verliert das Kind seinen Ursprung und die damit einhergehenden familiären Prägungen, da ihr kein konkretes Dasein zugeschrieben werden kann? Keinesfalls! Es bleibt im Unterbewusstsein vorhanden und beeinflusst unser Verhalten und Gewohnheiten. 
 Der Vergangenheit kann keine physische Präsenz gegeben werden, aber wie man durchaus sieht, ist sie dennoch vorhanden und beeinflusst unser inneres sowie äußeres Umfeld. 
 Objektiv gesehen ist die Angelegenheit schwieriger, da alles durch einen persönlichen Filter geht und man die Genauigkeit und Neutralität der Quellen schlecht zurückverfolgen kann. Nehmen wir an, zwei verfeindete Königreiche schreiben über die gleiche Person. Die eine Gruppe schreibt über ihren König als glorreichen Helden, wobei die anderen diesen als mordlustigen Kriegstreiber darstellen. Welche der beiden Ansichten ist nun richtig? Würde man selbst in dieser Zeit leben, könnte man sich ein eigenes Urteil bilden. Bleiben 1000 Jahre später nur diese beiden Quellen übrig, müsste man sich entweder für eine entscheiden oder eine Mischung aus beiden erstellen, wobei die Grenze zwischen Fiktion und Realität zu leicht verwischen kann. Fast täglich schieben wir erneuerte Filter vor unsere bereits vorhandenen und verändern unsere Blickwinkel. Die Frage ist nur, für welche Version wir uns entscheiden wollen. Was nehmen wir als real an?

Ich denke, es handelt sich in diesem Kontext um eine Glaubensfrage. Welchen Personen/Gegenständen sagt man Sinnhaftigkeit zu, obwohl man sich derer reinen Existenz nur mehr oder weniger sicher sein kann. 


 In Conclusio schreibe ich den singulären Termen im Bezug zum Präsentismus eine subjektive, aber keine eindeutige objektive Sinnhaftigkeit zu. Es ergibt Sinn der Vergangenheit sowie der Zukunft die reine Existenz abzuschreiben, da sie über kein sensorisches Korrelat verfügen. Es ist entweder omnipräsent und unbewusst oder hypothetisch. Ich würde vergangenen Ereignissen jedoch nicht den Sinn abschreiben, da diese einen Einfluss auf die Gegenwart haben. Auch der Vergleich zu Gott, der in der Vergangenheit durchaus härter und grausamer war (siehe Altes Testament), wäre demnach unsinniger als der Jetzige des Neuen Testaments. Die Aussage ist so absurd, wie sie klingt. In diesem Bezug ist es jedem selbst überlassen, welchen Sinn er welchen Personen/Gegenständen zuordnet. Was ist schon Wahrheit? Sie neigt dazu, in vielen Fällen eine fragile Konstruktion zu sein, die innerhalb von Minuten in sich zusammenfallen kann. 
 Die Zukunft ist, wie bereits erwähnt, als hypothetisch zu betrachten. Es besteht die Möglichkeit, aber diese ist, aus der Gegenwart gesehen sehr elastisch. 

Um die Frage zu beantworten, worauf wir uns beziehen, wenn wir uns über eine „nicht-existente“ Zukunft/Vergangenheit unterhalten, dann beziehen wir uns auf Dinge, von denen wir glauben, sie zu wissen. Wir beziehen uns auf Dinge, denen wir in subjektiven Quellen unserer vorhergegangenen Generationen begegnet sind. Wir beziehen uns auf Dinge, denen wir subjektiv Sinn beimessen, obwohl wir ihren 100-prozentigen objektiven Nachweis meist nicht kennen. Wir beziehen uns auf Dinge, die bewusst oder meistens unbewusst einen Einfluss auf das Leben haben. Wir beziehen uns auf eine Utopie für das eigene Leben. Wir beziehen uns auf den Ursprung, um Prozesse besser zu verstehen. Wir beziehen uns auf mögliche Dystopien, die uns nach der Gegenwart widerfahren könnten. 

Wir beziehen uns auf Dinge, die im Moment nicht die größte Bedeutung haben. In Relation ist die Gegenwart schwach. Wie viel Zeit verbringt man wirklich im Moment und nicht in retro- oder anterograden Gedankenzyklen? Das Wichtigste ist nicht außerhalb der Gegenwart Sinn zu finden, sondern innerhalb dieser zu leben, um die Welt zu erfahren. Keine mentalen Verzerrungen. Nur die Realität. 

Es lebe die Gegenwart, die uns als Einzige das echte Leben beschert. 

Leon Koß Writing