Manchmal würde ich diese Frage gerne unseren Patienten stellen, wenn sie auf dem OP-Tisch liegend in der Einleitung stehen und sich ihr innerer Tumult in der Tachykardie oder Hypertension auf dem Überwachungsmonitor widerspiegelt. Keineswegs, weil ich ein strenggläubiger Mensch bin, der seine Kraft mit auf den Weg geben will, sondern weil ich wissen möchte, ob sie es schaffen würden, an „Uns“, das Narkoseteam und OP-Team, zu glauben, da es für mich eine gleichwertige Situation darstellt. Das Leben in der Hand einer höheren Kraft, die durch ihr Handeln über das Fortbestehen dieses Individuums entscheidet, wofür es keine 100-prozentige Sicherheit gibt. „Sie müssen uns vertrauen. Wir sind die gesamte Zeit bei Ihnen.“, hört der zu Behandelnde, während er allmählich durch die Hypnotika in den Schlaf sinkt und damit seine weitere Existenz in unsere Verantwortung übergibt. Derjenige befindet sich in Ohnmacht, was hierbei beide Definitionen des Wortes erfüllt [1]. Er befindet sich in einem Zustand der vorübergehenden Bewusstlosigkeit, aber auch in der Unfähigkeit zu handeln, was im engeren Sinne auf die Narkose bezogen ist, aber letztendlich die medizinische Indikation meint, weswegen er sich überhaupt auf dem OP-Tisch befindet. Eine höhere Kraft außerhalb des Selbst ist von Nöten, um dieses Hindernis zu überwinden. Seien es wegweisende Psalmen oder die chirurgische Intervention: Derjenige benötigt Hilfe und scheint die Akzeptanz dafür gefunden zu haben. Doch das lindert nicht zwingend die Angst, da er sich ins weitestgehend Unbekannte begibt. Obwohl sowohl chirurgisch sowie anästhesiologisch eine Aufklärung stattgefunden hat, die hoffentlich ausführlich und patientengerecht war, bleibt immer noch das Fünkchen Ungewissheit, was nagt, die Psyche martert und letztendlich zu einem schlechten Outcome allerseits führt. Zum einen ist es möglich, es auf potenzielle Komplikationen zurückzuführen, jedoch denke ich, dass es viel mehr auf die Veränderung des Ist-Zustands hinaus geht. Wann ist es die Gegenwart, welche in uns Ängste hervorruft und die Gedanken darum kreisen lässt? Wenn man genauer darüber nachdenkt, befindet sich der Geisteszustand meistens in einer anderen Zeitform als dem Jetzt. Sei es im Alltag oder wie in diesem Fall auf dem OP-Tisch vor der Narkose. Der Patient denkt vermutlich nicht darüber nach, wie er sich gerade fühlt, sondern imaginiert sich ein postoperatives Szenario, was irgendwo zwischen glimpflich und katastrophal liegen kann. Er fürchtet, aber spürt den Schmerz nicht. Er hat noch kein Tracheostoma, aber atmet mental schon dadurch. Er redet mit der Anästhesie, doch sieht sich in der Zukunft schon schweigen. Die Gegenwart wird nicht zum Vergleich gezogen, sondern was bald Vergangenheit sein wird der Zukunft gegenübergestellt. Womöglich sieht er was ist, aber vielmehr betrachtet er, was er war und durch die operative Veränderung nicht mehr sein wird. Während wir den Patienten für die Narkose vorbereiten, durchlebt er eine Verlustaversion, die ihn nach dem Status quo sehnen lässt, aber er dennoch die Gewissheit hat, dass dieser nicht bestehen kann bzw. auch lebenslimitierende Folgen haben könnte.
Zudem erachte ich es als schwierig, ein emotionales Problem mit faktischer Darlegung lösen zu wollen. Selbstverständlich kann der Behandelnde dem Patienten das Prozedere inklusive der Konsequenzen erklären und für ihn greifbar machen, doch er kann ihn diesen Zustand nicht fühlen lassen. Die Aufarbeitung wird erst mit der postoperativen Wahrnehmung möglich, da sich hierbei die komplexe Gefühlswelt erstmalig an die Veränderungen adaptieren kann. Bei einer komplikationslosen Implantierung von Osteosynthesematerial und dessen Entfernung nach einigen Monaten könnte der Patient einer nächsten Operation dieser Art mit Zuversicht begegnen. Bleibt man beim Beispiel des Tracheostomas, muss der Träger den Umgang, die begleitende Wahrnehmung und dessen Akzeptanz erlernen. Der Hustenreiz beim Berühren der Tracheawand, der häufige Sekretfluss, die temporäre Einschränkung der Kommunikation durch einen Verlust des Sprechens. Im Vorfeld darüber zu unterrichtet zu werden, kann hilfreich sein, doch es liegt ein immenser Unterschied zwischen dem Wissen, dass man für einige Zeit nicht in der Lage sein, sich verbal zu äußern und dem Gefühl der Isolation und des Missverständnisses, was durch diesen Verlust hervorgerufen wird.
Was kann man in diesem Moment tun? Sicherlich ist eine Prämedikation sinnvoll, doch diese scheint mir, wie jede andere Maßnahme während dieses Lernprozesses nur unterstützend. Meines Erachtens sollte der Fokus auf der humanistischen, emotionalen Begleitung liegen. Letztendlich ist es der Patient, der von sich aus erlernen muss, mit jenen neuen Gefühlen und Lebensbedingungen umzugehen. Wir können lediglich Geduld und Empathie zeigen, da dieser Weg mit großer Sicherheit nicht linear stattfinden wird. Ein guter Tag, zwei schlechte, zwei gute, wieder ein schlechter, usw. Die meisten werden diese Fluktuation nachempfinden können, weil es nur allzu menschlich ist, sich den Entwicklungen der Zeit unterlegen zu fühlen, wenn man keine Antwort für den Lauf der Dinge findet oder das Narrativ sich auf die Katastrophe hinbewegt.
Wie beim Versuch, das emotionale Problem mit Fakten zu lösen, spiegelt sich hier Camus‘ Ansicht des Absurden wider [2]. Wie kann uns eine nicht-menschliche Welt die Antwort auf menschliche Fragestellungen geben? Wie kann man sich auf ein Gefühl vorbereiten, wenn man es nur vollständig verstehen kann, wenn man es selbst gefühlt hat? Dieses Dilemma scheint präoperativ eine enorme Größe zu haben, doch der Hauptfokus bleibt bei der postoperativen Aufarbeitung. Um zurück zur Ausgangsthese zu kommen: Soll der Mensch glauben, dass sich alles irgendwann dem Guten zuwenden wird, dass es der Wille einer übernatürlichen Macht ist, sei es Gott, das Schicksal oder wie auch immer man sie nennen mag. Braucht man eine gewisse „Amor Fati“, wie es Nietzsche beschrieb, um in jeglichen Widrigkeiten Sinn und Akzeptanz zu finden?[3] Es ist fraglich, ob eine Korrelation zwischen Gläubigkeit und postoperativer Zuversicht besteht. Meines Erachtens ist es genauso gut vorstellbar, wie die Tatsache, dass die erste negative Erfahrung diesen Glauben erschüttern könnte. Ist es letztendlich nicht eine Frage des Lebens? Ob man daran glaubt, dass es Sinnhaftigkeit besitzt, weiterzumachen, obwohl nichts besser zu werden scheint? Kann der Glaube an das eigene Leben unter den Umständen weiter bestehen?
Man sollte keineswegs pauschalisieren, dass jede Entwicklung gut ist. Viel wichtiger als die Bewertung ist jedoch die bestmögliche Anpassung an die neuen Zustände und eine gemeinsame Lösungsfindung mit dem Patienten. Es ist möglich, in diesem Fall in der Retrospektive zu verharren und sich dadurch einen Eskapismus zu schaffen, der das gegenwärtige Leben im Hintergrund verblassen lässt oder sich der Zukunft zuzuwenden und gemeinsam, nach dem patienteneigenen Ermessen, das Beste aus den Möglichkeiten auszuschöpfen, um dem Unveränderlichen weitestgehend entgegenzuwirken. Natürlich wird es kein leichtes Vorhaben. Manchmal wird es mit Sicherheit ans Unmögliche grenzen, aber ich glaube, dass der Versuch sich durch den unermesslichen Wert des Lebens lohnt, damit man sagen kann, dass man alles probiert habe, diesem teuren Gut dessen Glanz zurückzugeben. Wir können den Verlauf vermutlich nicht verändern, aber definitiv auf das Ergebnis aufpassen und versuchen, es dem Besseren zuzuwenden.
[1] https://www.duden.de/rechtschreibung/Ohnmacht
[2] Albert Camus – Der Mythos des Sisyphus (1942)
[3] Friedrich Nietzsche – Die fröhliche Wissenschaft (1882)
Wortwörtlich
Die gewohnte Metapher: Der Tellerrand als Grenze vom Wahrnehmbaren zum Abstrakten, vom Bekannten ins Unerforschte, vom Begrenzten ins Unendliche. Dazu erscheint mir das Bild von Flammarions Holzstich, auf dem ein Mann seinen Kopf aus der Sternenkuppel steckt, um zu erforschen, was sich hinter ihr befindet. Doch der Tellerrand muss nicht zwangsläufig mit großartigen Dingen wie dem Universum zusammenstehen, sondern ist auch in den Gewohnheiten- und Selbstverständlichkeiten des Alltags präsent. Bei einer Sache findet man ihn übermäßig häufig: beim Essen. Man könnte meinen, der einzige Zweck über ihn hinwegzuschauen, bestände darin, seine Aufmerksamkeit auf die begleitende Beschallung von Serien oder dem Handy zu richten. Warum sollte man beim Essen darüber hinausschauen? Immerhin vergrößert es vehement die Chance zu kleckern. Spaß beiseite!
Was meine ich mit dem zu überwindenden Tellerrand, wenn es sich nicht auf das Umfeld bezieht? Es ist sogar von essenzieller Bedeutung, den Blick nicht über die Begrenzung zu schwenken, sondern ihn auf der gefüllten Keramikfläche zu belassen. Was sehen wir? Unsere Nahrung! Was sehen wir nicht? Ihren gesamten Weg bis dahin. Nehmen wir als Beispiel ein simples, aber äußerst befriedigendes Gericht: ein Schnitzel mit Kartoffelbrei und Mischgemüse. Für die Rohversion der Beilagen ist es eine einfache Sache. Sie werden als Saat in die Erde gesetzt, verweilen dort, bis sie reif sind, werden geerntet, eventuell noch verarbeitet und anschließend in die Verkaufshallen transportiert. Doch was ist mit dem Schnitzel? Manchmal habe ich das Gefühl, dass man seine Herkunft vergessen hat. Das Ferkel erblickt das Licht der Welt und befindet sich in Gefangenschaft. Im besseren Fall bekommt es viel Platz und Zuneigung, im schlechtesten und üblichen Fall ca. einen Quadratmeter voller Fäkalien [1] [2]. Dort verbringen sie den Großteil ihrer durch die Wirtschaft verkürzte Lebenszeit. Anstelle ein Alter von 10-15 Jahren zu erreichen, werden die meisten Schweine nach 6 Monaten geschlachtet. Das sind entweder 5 % oder 3,33 % ihrer möglichen Lebenszeit. Bezieht man diese Werte auf das Durchschnittsalter einer deutschen Frau (83,4 Jahre) erhält man entweder 4,17 Jahre (5 %) oder 2,78 Jahre (3,33 %). Um die Sachlage zu verdeutlichen, könnte man sich vorstellen wie man ein Kindergartenkind, was mit seinen Freunden spielt, entführen und ermorden lässt. Ein grausamer Gedanke! Wie können wir diesen Missstand bei dem einen bewusstseinsfähigen Wesen ablehnen und bei vielen anderen befürworten?
Ist der Begriff Mord in diesem Fall überzogen? Meines Erachtens nicht. Laut der Definition ist ein Mörder jemand, der „aus Mordlust, …, aus Habgier oder sonst niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam… einen Menschen tötet.“ [5] Mir ist bewusst, dass sich hierbei nur auf den Menschen bezogen wird, doch die Beweggründe und die Durchführung können auf jedes andere Lebewesen übertragen werden, was eine Aktualisierung sinnvoll macht. Wie würde man die Tilgung des Lebens bezeichnen, wenn man einem Kätzchen den Kopf zerstampft? Würde man hierbei nicht von Mord sprechen, obwohl es grausam ist und aus niedrigen Beweggründen geschah? Ist der Weg vom unwissenden Schwein auf die Schlachtbank nicht heimtückisch? Ist der Genuss von Fleisch ein „hoher“ Beweggrund, der es rechtfertigen könnte? Es geht hier nicht, um den Erhalt des eigenen Überlebens, sondern um die Bereicherung des eigenen Lebens durch ein anderes. Es gibt genügend Alternativen, die den Tod verhindern und trotzdem unseren Kalorienbedarf decken könnten. Ich schließe von diesem Argument Menschen mit Nahrungsunverträglichkeiten sowie gewissen körperlichen und psychischen Erkrankungen aus, da ihre Nahrungsauswahl durch diese Umstände begrenzt ist. Was sie dennoch machen können, ist den größtmöglichen Beitrag zur Minimierung des Leids zu leisten, indem sie beispielsweise auf die Haltungsform wertlegen. Es geht hierbei auch nicht um eine Missionierung zum Vegetarismus oder Veganismus. Vielmehr sollen die Menschen ihren Bezug zur Nahrung wiedererlangen. Was in der Urzeit noch durch die eigene Hand geschah, wird mittlerweile von Stellvertretern ausgeführt, die dafür sorgen, dass wir es bequem im Laden kaufen können, ohne mit diesen Arbeitsschritten in Berührung zu kommen. 400 g Schweinehack im Plastikbehälter sind nicht nur 400 g, sondern ein ganzes Tier, mit dem dazugehörigen Umfeld und Leben. Ein Kilo Kartoffeln sind nicht nur ein Kilo, sondern mehrere Pflanzen, die sich den Boden geteilt haben, der sie ernährt hat. Eine Tüte Chips sind „Kartoffeln, Sonnenblumenöl, Aroma, Speisesalz, Hefeextrakt (enthält GERSTE), Paprikapulver, Zucker, Zwiebelpulver, Knoblauchpulver, Farbstoff (Paprikaextrakt), Raucharoma, Gewürzextrakte. [6]
Auch die Distanz, die Lebensmittel auf sich nehmen müssen, damit sie uns erreichen, gerät schnell in Vergessenheit. Ein Griff in die Tüte gebrannter Mandeln vom Weihnachtsmarkt ist normalerweise mehrere tausend Kilometer entfernt anstatt einer halben Armlänge, da sie aus Spanien oder (weltweit die meisten) Kalifornien einreisen müssen. Was für uns eine kurze Fahrt oder gar ein Spaziergang in den Supermarkt ist, stellt für dieses Steinobst eine halbe Weltreise dar.
Je mehr wir über den Tellerrand blicken, desto mehr können wir von einer Sache machen: Dankbarkeit zeigen! Wir haben die Möglichkeit, täglich auf diese Lebensmittel zuzugreifen. Wenn es an einem Tag mal ausverkauft ist, gehen wir in einen anderen Laden oder versuchen es am nächsten Tag erneut. Das ist ein Luxus, der für uns selbstverständlich ist. Für viele Orte auf der Welt ist es das nicht. Was für uns wie ein „Die Ossis haben keine Bananen“-Witz scheint, ist in ärmeren Ländern, vor allem in Afrika, die bittere Realität. [8] Unsere Mahlzeiten aufzuessen, um Mamas drohendem Finger mit der Floskel „Denk an die Kinder in Afrika!“ zu umgehen, ist keinesfalls die Lösung. Vielmehr sollten wir wieder eine Sensibilität gegenüber unserer Nahrung erlangen. Hinterfragen, unter welchen Bedingungen sie hergestellt wird, welches tierische und menschliche Leid sie verursacht, was in ihr steckt und ob es wirklich nötig ist, sie im Übermaß einzukaufen. Ich ärgere mich oft genug, dass ich Lebensmittel wegwerfe, weil ich plötzlich kein Verlangen mehr nach ihnen verspüre oder aus Hunger etwas anderes gegessen habe, wodurch sie letztendlich schlecht geworden sind. Man könnte mir Heuchelei vorwerfen. Letzten Endes geht es nicht um Perfektionismus, sondern um das Bewusstsein; sich Fehler eingestehen, nach einer Besserung zu streben und diese umzusetzen.
Es kann beängstigend sein, über die gewohnte Begrenzung zu blicken. Neue und vor allem gegensätzliche Erkenntnisse lauern dahinter. In diesem Fall könnten sie den Appetit verderben. Wäre das etwas Schlechtes? Nein, denn das Gesehene ist verächtlich.
1 https://www.destatis.de/DE/Themen/Laender-Regionen/Internationales/Thema/landwirtschaft-fischerei/tierhaltung-fleischkonsum/_inhalt.html
2 https://www.bundestag.de/resource/blob/406728/6b7b768618632b81b7c8b8e2adba8bf0/WD-5-135-08-pdf-data.pdf
[3] https://www.peta.de/themen/lebenserwartung-tiere/?gclid=Cj0KCQiAu62QBhC7ARIsALXijXSaiAbvctMST8GHEmmKW6PL5IBe_TSf08rAtsCwfDOm84sIPHHLBdcaAjzGEALw_wcB
[4] https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Sterbefaelle-Lebenserwartung/_inhalt.html
[5] https://dejure.org/gesetze/StGB/211.html
[6] https://www.funny-frisch.de/produkte/chipsfrisch/chipsfrisch-ungarisch.html#:~:text=Kartoffeln%2C%20Sonnenblumen%C3%B6l%2C%20Aroma%2C%20Speisesalz,Paprikaextrakt)%2C%20Raucharoma%2C%20Gew%C3%BCrzextrakte.
[7] https://www.atlasbig.com/de-de/weltweit-mandel-produktion
[8] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/165561/umfrage/am-staerksten-von-hunger-betroffene-laender-weltweit-nach-dem-welthunger-index/
Das ewige Leben - zu welchem Preis?
Eine unserer größten Gemeinsamkeiten, die uns gar menschlich macht, ist die simple Tatsache, dass unser Leben in absehbarer Zeit sein Ende finden wird. Jedoch strebt der Mensch seit Anbeginn seines Bewusstseins und der damit einhergehenden Auseinandersetzung mit dem Tod zur Umgehung des Unvermeidbaren. Seien es Konzepte wie Karma und Reinkarnation, postmortale Aufenthalte an spirituellen Orten oder die Fähigkeit, selbst Götter zu sein, was schlichtweg die Erhabenheit über die Natur bedeutet, sie teilen alle die Ablehnung der Endgültigkeit des weltlichen Ablebens. Selbst in Atheisten findet man das Verlangen zum Fortbestehen, auch wenn sie diesen Vorstellungen keinen Glauben schenken und sich überwiegend sicher sind, dass der Tod einen physischen Schlussstrich zieht. Es scheint, als trage das Leben in seiner Essenz den Wert, dass man nach dessen Fortbestehen strebe, jedenfalls aus einer jugendlichen und gesunden Perspektive. Wenn man die Zeit, die man überwiegend als Geschenk betrachtet, unerschöpflich besitzt, bringt es mit großer Sicherheit allerhand Vorteile, aber genauso Probleme hervor. Nichts auf dieser Welt kann von vollständiger Reinheit geschaffen sein, warum sollte es daher das ewige Leben sein?
Im weiteren Verlauf dieses Essays beziehe ich mich überwiegend auf das biologische Leben und lasse den metaphysischen Aspekt außer Acht, da dieser gänzlich andere Lösungsansätze benötigt.
Eines der grundlegenden Probleme ist mathematischer Natur. Stoppt man den Abbau bei gleichbleibender Produktion, erfolgt ein Wachstum. Nehme man an, ab diesem Moment versterbe niemand mehr und die Welt würde jährlich um die Geburtenrate von 2020 (82.377.000 Geburten)[2] bereichert werden, würde die Weltbevölkerung in 10 Jahren von 7,79 Milliarden auf 8,61 Milliarden, anstelle von 8,013 Milliarden ansteigen, wenn man die durchschnittliche globale Sterblichkeit (ca. 60 Mio.[3]) der letzten 5 Jahre hochrechne. Innerhalb dieser Zeitspanne würden ohne den Tod 600 Mio. Menschen mehr zeitgleich existieren, ohne dass eine Senkung dieser Zahl in Aussicht ist. Weshalb ist das relevant? Immer wieder hört man im Zusammenhang mit der Weltbevölkerung das Wort „Überbevölkerung“, was so viel bedeutet, dass der menschliche Verbrauch höher als die Ressourcen unseres Planeten ist und diese zu einem gewissen Zeitpunkt erschöpft sein werden.[1] Diese Beschreibung wird bereits ohne die ausbleibende Sterblichkeit verwendet, was eine Verschlechterung der Lage erkennbar werden lässt. Um dieser Situation zu entgehen, müsste man entweder die Geburten stoppen oder das Sterben wieder möglich machen, was bedeutet, dass man entweder die Chance auf das Geschenk des Lebens verwehrt oder jemand anderen zum Tode verurteilt, dessen Tod nichts Gegebenes mehr wäre. Nach welchen Kriterien entschiede man sich dafür? Würde man die Todesstrafe erneut einführen, um schwerwiegende Verbrechen zu bestrafen? Würde der Tod denjenigen nicht entmenschlichen, da er einem Tier gleichgesetzt wird und nicht Seinesgleichen? Spräche das Vergehen etwa für die Herabsetzung der Menschlichkeit? Wie könnte man jemanden etwas wieder nehmen, was man ihm einst geschenkt hatte?
Selbstverständlich gehe ich in diesem Fall davon aus, dass jeder Mensch das Recht auf Unsterblichkeit bekäme, da man sonst in der grundlegenden Gleichwertigkeit differenzieren würde. Jedoch heißt, ein besagtes Recht auf etwas zu haben, keine Garantie dafür zu sein. Die begrenzte Kapazität auf dieser Welt würde es zu einem ökonomischen Problem machen. Um der Überbevölkerung zu entgehen, träfe die Nachfrage von ca. 7 Milliarden Menschen auf ein Angebot von geringen Plätzen, was einen hohen Preis nach sich ziehen würde. Hierbei steht eher diese Tatsache im Vordergrund, als einen genauen Wert auf das Leben zu etikettieren, da es nur darum geht, ein Prinzip zu verdeutlichen, was keiner kalten numerischen Analyse bedarf. Demnach könnten sich nur diejenigen das ewige Leben leisten, welche die nötigen Mittel dazu haben, sprich Geld. Könnte man mit dieser Tatsache diese Möglichkeit hervorbringen? Sie zeige ein klares Werturteil und würde dem Großteil der Weltbevölkerung die Möglichkeit verschließen. Zudem ist zweifelhaft, ob finanzieller Reichtum als Indikator für eine Gewährung der Unsterblichkeit aussagekräftig wäre.
Welche Kriterien kämen einem ewigen Fortbestehen näher als der materielle Reichtum? Zum einen der Geistige, welcher nicht zwangsläufig vom Ersten entkoppelt sein muss. Hierbei kommt jedoch die Frage auf, ob dieser nach 100 Jahren gleichwertig zu der Hochzeit dieser Person ist. Dabei ist die Intellektualität in Wissen und Weisheit zu unterscheiden. Das eine lässt sich zu jeder Zeit ansammeln, während das andere eher eine Mischung aus Erfahrung und Gelerntem darstellt. So schön die Theorie sein mag, wenn die Praxis, ergo das Leben, sie widerlegt, verblasst sie zu einem kognitiven Souvenir, welches durch seine Zwecklosigkeit irgendwann aus dem Geist verschwindet. Dennoch ist es wichtig, dass beides weitergegeben wird. Alles, was davon nicht genutzt oder geteilt wird, dient lediglich der Ansammlung. In diesem Hort besitzt es keinen Mehrwert, da es nicht zum Tragen kommt oder durch die Auseinandersetzung mit dem Leben gefeilt wird. Des Weiteren ist zu beachten, dass die geistigen Fähigkeiten erhalten bleiben, da neurodegenerative Prozesse diesen Quell austrocknen. Daher würde dieses Kriterium seine Macht verlieren, wenn der Träger sie für die Ewigkeit nicht behalten würde.
Ein anderer Aspekt wäre der soziale Status und die damit einhergehende Arbeit für die Allgemeinheit. Benevolenz und Aufopferung für eine Sache, die außer einem steht und der persönlichen Ressourcen bedarf, stellen ein Gut dar, welches für die Ewigkeit fortbestehen sollte. Auch hierbei stellt sich die Frage nach dem Aufrechterhalten der Taten. Ich würde gern für alle Menschen gleichsam argumentieren, aber aufgrund der begrenzten Kapazität muss man sich für bestimmte Richtlinien entscheiden. Was ist also, wenn all das Geschaffene und Geleistete durch einen Unfall oder Krankheit nicht mehr gewährleistet werden kann. Die Argumentation für das Vollbrachte ist logisch, aber reicht sie aus, um jemanden die Unsterblichkeit zu gewähren, obwohl der Mensch nichts mehr davon aufbringen kann?
Bisher macht es den Eindruck, als wäre das ewige Leben an sich nicht erstrebenswert, da es weiterhin Zerfall und zu ertragendes Leid beinhaltet. Daher scheint es, als benötigte man für das Ertragen der Ewigkeit die fortbestehende physische, psychische und kognitive Gesundheit. Wer würde für immer mit einer verzehrenden Krankheit oder in Gefangenschaft ohne jegliche Aussicht auf Verbesserung leben wollen? Die Differenzierung des Alters spielt hierbei eine Rolle. Offensichtlich ist in diesem Fall das Augenmerk auf das Biologische, anstelle des Chronologischen zu richten.[4] Wie bereits erwähnt, brächte es nichts, eine Gleichheit der beiden zu erzeugen, da mit diesem der Abbau einhergehen würde. Letztendlich müsste man die Leistung erhalten, während die Zeit voranschreitet. Das Stichwort lautet ewige Jugend. Nicht in dem Sinne unschuldig und unverblümt zu sein, sondern die körperlichen Prozesse in einer gewissen Lebensphase an und stabil zu halten. So stoppe man die Entwicklung nach Vollendung der körperlichen Ausreifung, bevor dieser beginnt, sich abzubauen. In diesem Fall müsste man diesem Zustand ohne die Bildung schwerwiegender irreversibler Erkrankungen wie Organfehlern oder Stoffwechselerkrankungen erreichen, da sonst der Grundzustand der Erhaltungsstase beeinträchtigt wäre. Bisher erzeugt das Beschriebene das Bild der Menschheitsoptimierung mit Beseitigung all dessen Fehler, wobei das bei Krankheiten kein erheblicher Verlust wäre. Schließlich beschäftigt sich die Praxis der Medizin alltäglich mit dieser Problematik. Einen komplizierteren Aspekt bilden hierbei Erbkrankheiten, bei welchen man nach dieser Logik von einem schlechteren Start ausginge, der demjenigen aufgrund biologischer Veränderungen das Recht auf das ewige Leben unter diesen Richtlinien verwehren würde. Meines Erachtens fördere dies weiterhin die Eugenetik, da man versuche, das bestmögliche Setup für die Nachkommen zu generieren, was bei einer angeborenen Behinderung nicht möglich wäre. Diese schiere Ungerechtigkeit, die den Betroffenen aufgrund von Tatsachen, die unbeeinflussbar sind, ein ewiges Fortbestehen nicht gewähren, ist demnach inakzeptabel, wenn man alles Leben an sich gleichwertig betrachtet. Wie weit würde man in diesem Fall gehen, um sich die Chance auf die Ewigkeit zu verwirklichen? Außerdem würden sich gewisse schädliche Verhaltensweise wie Nikotinkonsum während der Schwangerschaft oder eine Vernachlässigung des Kindes ebenfalls negativ auf die Durchsetzung dieses Gedankens auswirken. In diesem Fall bestrafe man den Nachkommen, ohne dass dieser sich schuldhaft gemacht hat. Müsse es für die Fehler seiner Eltern büßen?
Man könnte meinen, dass die Aufhebung des Alterns eine der existenziellen Erfahrungen verwehrt, die im normalen Lebenslauf enthalten sind. Hierbei handelt es sich jedoch um einen Irrtum, da man die Differenzierung des Alters vorweg lässt. Der Mensch altere weiterhin chronologisch, was bedeute, dass er die Zeit durchlebt, es mit seinen Sinnen wahrnimmt und es dadurch als Erfahrung aufnimmt. Dies passiere jedoch unter einer anderen körperlichen und geistigen Verfassung, sodass man die Geschehnisse als 80-jährige/r in der Verfassung eines 30-jährigen Menschen erlebe. All der Reichtum an Erlebnissen und Durchlebten widerführe demjenigen vermutlich in einem besseren Allgemeinzustand, womit sich das „Entfallen des Alterns“ entkräften lässt.
Da die biologische Unsterblichkeit unter den bisherigen Gesichtspunkten nicht universell umsetzbar scheint, wenden wir den Blick nur auf das metaphysische Fortbestehen, wobei sich hier auch keine zufriedenstellende Lösung zeigt. Unser Planet ist aus diversen Blickwinkeln eine tickende Zeitbombe. Ob aus soziopolitischer Sicht mit neu-aufflammenden, kriegerischen Konflikten, mit einem Waffenarsenal, welches alles Leben dieser Welt innerhalb von Minuten tilgen könnte, aus ökologischer Sicht mit den bereits bemerkbaren Folgen der Klimaerwärmung oder der astronomischen Sicht, dass unsere Sonnen den Planeten in ca. 7,6 Milliarden Jahren zerstören wird, spielt hierbei nur eine nebensächliche Rolle. [5] Die Schicksale jeder 7 Milliarden Individuen dieser Erde zu speichern, wäre eine schier zu große Datenmenge, um sie in einem Gehirn zu lagern. Zudem ist die Anzahl der Personen gering, die in unserer Zeit eine fortbestehende Bedeutung haben, welche mit dem Voranschreiten weiter abnimmt. So begegnen uns Akteure der jüngeren Geschichte, wie z. B. unsere Bundeskanzlerin häufiger als ein Gutsherr im Mittelalter. In günstigen Fällen sind diese Informationen irgendwo gespeichert, aber wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass man ihnen begegnet oder gar auf sie zugreift? Zudem hat es nur Gültigkeit, solange sie in deren Zeit von Bedeutung waren. Was ist mit dem Normalbürger, der in seiner eigenen Umwelt die Bedeutung von Familie, Freunden und anderen nahestehenden erfährt, aber letztendlich in makrokosmischer Betrachtung die Größe einer Zelle hat? Bestenfalls wird er von seinen nachkommenden Generationen in Gedanken gehalten, aber kann man das für die gesamte Weltbevölkerung im weiteren Verlauf der Zeit geltend machen? Ich bezweifle, dass genug Platz ist, um sich an jeden Einzelnen erinnern zu können und falls es doch funktionieren könnte, verweise ich auf das oben genannte Untergehen unseres Planeten, der alle Informationen mit sich nimmt, solange keine Expansion der Menschheit stattfindet oder andere Lebenswesen existieren, die mit diesen Speichersätzen etwas anfangen können.
Die gesamte Thematik lässt eine weitere Frage aufkommen: Gibt uns die begrenzte Zeit nicht die Notwendigkeit zum Handeln, was in diesem Fall zu leben bedeutet? Hieraus ergibt sich die Wichtigkeit der Reflexion, da dies unter normalen Umständen ein Nullsummenspiel ist. Womit oder mit wem verbringe ich meine Zeit? Was braucht akut meine Aufmerksamkeit und was kann noch warten? Wenn man einen unendlichen Zugang zu etwas hat, verliert es irgendwann seinen Wert. Man schenkt der Sache weniger Beachtung, da man sich darüber keine Sorgen machen muss. Allgemein ist fraglich, wie die Unendlichkeit unsere Handlungen verändern würde. Konzentriere man sich erst auf das Aufwachsen der Kinder, bis sie ihr Wachstum vollenden oder arbeite man für 50 Jahre, bevor man sich entscheidet, eine Familie zu gründen. Sicherlich führe es vom normalen Arbeitsweg weg, da man nach einer gewissen Arbeitszeit nicht mehr in den Ruhestand müsste. Wie finanziere man sich die Ewigkeit? In einer Fluktuation zwischen Leistungs- und Ruhephasen oder spare man so lange, dass man sich unter den üblichen Lebensumständen sicher sein kann, dass man nie wieder einen Finger rühren müsse. Letztendlich ist es möglich, dass man sich die Zeit für die Dinge nimmt, die einem am Herzen liegen, aber warum sollte man die Energie aufbringen, darüber nachzudenken, ob man wirklich das kostbare Leben in etwas investiert oder einen Schlussstrich zieht, da der Verlust schwerer wiegt. Wie bereits erwähnt, kann man nichts verlieren, wovon man eine unerschöpfliche Quelle besitzt. Um ehrlich zu sein, ist dieser Gedanke, nicht über das eigene Leben nachzudenken, für mich schwer vorstellbar, da ich mich ausgiebig mit der Thematik beschäftigt haben muss, wenn ich bereitwillig einen Essay darüber verfasse, um noch tiefer darin einzutauchen.
Da ich diesem Text nicht die Ewigkeit gewähren möchte, weil ich ihn immer weiter schreiben müsste, fasse ich ihn zusammen. Wie oben gezeigt, glaube ich, dass das Konzept des ewigen Lebens ohne Bezug auf das Alter zu nehmen, aufgrund von mangelnden Ressourcen unvorstellbar ist, um es für jeden Menschen dieser Erde möglich zu machen. Warum sollten wir den kostbarsten Gegenstand, den wir besitzen, einer bestimmten Gesellschaftsschicht vorenthalten, die eventuell nur durch Glück oder Abstammung zu diesen Umständen gekommen ist. Zudem benachteilige es Personen, die trotz eigener Unschuld von der Möglichkeit ausgeschlossen werden. Meines Erachtens zeigt sich hier kein gerechtes System. Des Weiteren bietet das ewige Leben nichts, solange nicht der Altersprozess aufgehoben wird, da sonst die aktive Anteilnahme dem passiven Verfall weichen würde. Daher ist das ewige Leben unter den gegebenen Gesichtspunkten nicht erstrebenswert. Was bleibt uns bis zur Entdeckung der fortwährenden Jugend? Mit jeder Zeile dieses Essays schreitet die Zeit unwiderruflich voran. Man stoppt den Verlauf nicht, doch man kann ihn mit Sinnhaftigkeit gestalten. Dabei muss sich jeder selbst beantworten, was er vom Leben erwarte, ändern, was möglich und akzeptieren, was unvermeidbar ist. In diesem Sinne: Man lebe in der Zeit, da sie nicht verbleibt!
[1] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12281798/
[2] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1816/umfrage/zuwachs-der-weltbevoelkerung/
[3] https://www.bib.bund.de/DE/Fakten/Fakt/W01-Lebendgeborene-Gestorbene-Welt-ab-1950.html;jsessionid=6D65E3FE9DA14F808DB4A0CAA5C9BEE9.1_cid389?nn=9995918
[4] https://www.pschyrembel.de/Chronologisches%20Alter/B1D42/doc/
[5] https://www.scinexx.de/news/technik/sonne-wird-erde-schlucken/