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Die Mumie im Keller


Man könnte annehmen, es wäre ein gewöhnlicher Dienstag im Haushalt der Familie Müller, wenn vor ihrem Abteil der Einfamilienhäuserreihe nicht drei Polizeiautos gestanden hätten. Als Herr Müller am Vorabend zu Bett ging, stand er vollkommen im Leben. Das Haus war beinahe abbezahlt, die Kinder gingen zur Schule und er fand mit seiner Gattin genug Schlupflöcher für Zweisamkeit. Sie waren keines der Paare, welches sich gute Nacht sagte, zur Seite drehte und einschlief, sondern immer wieder Gesprächsfetzen anfing, bis einer nicht mehr antwortete und beide eingeschlafen waren. Am heutigen Morgen lag er Tod im Bett. Sie realisierte erst später, dass das Letzte, was sie je von ihm gehört hatte, die Aufregung über seinen Kollegen Thorsten war, von dem er ständig ungelochte Dokumente bekam. Seltsam, wie nichtig die Beben des Alltags im Angesicht des Todes erscheinen. Ehe sie die Tatsache seines Ablebens verarbeiten konnte, war ihr Haus von uniformierten Gestalten überflutet worden. Erst der Rettungsdienst und später die Polizei, da der Notarzt bei der Leichenschau einen unnatürlichen Tod nicht ausschließen wollte. Innerhalb einer Sonnenwiederkehr war ihr Eigenheim zu einer Leichenhalle und einem Tatort geworden und dennoch sollte sie sich in diesen Wänden wohnhaft fühlen. Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, aber diesen konnte man bereits am Morgen für gescheitert erklären. Scherzhafterweise könnte man annehmen, der Montag, der normalerweise dem Leben seine Unordnung auflegte, wäre einen Tag zu spät gekommen, einfach um seinen Charakter als chronologischer Unhold zu bekräftigen, doch niemandem war zu scherzen zumute. 

Die zwei Hauptkommissare näherten sich Frau Müller und starteten ihr Verhör. Sie stellten Fragen über die letzten Stunden seines Lebens, seinen Gemütszustand und möglicher Schwierigkeiten, in denen er gesteckt haben könnte. Sie erzählte ihnen von seinen letzten Worten, was für ein heiterer Mensch er war und dass seine einzigen Probleme mit großer Wahrscheinlichkeit Thorstens ungelochte Dokumente waren. Verflucht, warum musste es andauernd zu diesen Papierstücken zurückgehen? Sein Tod war bereits schlimm genug, doch ihn ins Lächerliche zu ziehen, setzte der Lage eine Narrenkrone auf. Während sie miteinander sprachen, unterbrach jemand von der Spurensicherung das Verhör und bat die beiden Beamten, ihm in den Keller zu folgen. Frau Müller bekam das Gefühl, als würden zwei unsichtbare Hände ihre Ellenbogen nach oben drücken, damit sie dem Verlangen nachgehen konnte, was sie seit dem Aufwachen verspürt hatte: sich die Haare auszureißen. Als reichte ihr toter Mann nicht aus! Nein, sie mussten auch ihr gesamtes Haus auf dem Kopf stellen! Was wollten sie im Keller? Ihre dreckige Wäsche durchwühlen oder den Platten an seinem Fahrrad inspizieren, von dem sie mittlerweile Miete verlangen könnte? Am liebsten hätte sie alle schreiend rausgeschmissen, doch sie wusste, dass es so nicht funktionierte. Sie blieb auf der Couch sitzen und wunderte sich, warum diese nicht unter der Last ihrer Wut zusammenbrach. Nach drei Minuten kehrten die Kommissare zurück. Ihre ernste Miene schien nach dem Abstieg noch strikter geworden zu sein. Einer von ihnen ergriff das Wort: „Wollen Sie uns sagen, was das da unten ist?“ 

Frau Müller schaute sie entgeistert an. Scheinbar schien jeder in diesem Haus den Verstand verloren zu haben. 

„Was meinen Sie?“, erwiderte sie. 

„Würden Sie uns bitte erklären, was die Mumie in ihrem Keller zu suchen hat?“

Die Dame fasste ihre momentane Gefühlswelt mit einem „Hä?“ zusammen.

„Auf dem Tisch in ihrem Keller liegt eine Mumie.“

Der Beamte kam ihr immer näher und ließ seinen Blick nicht ab. Bevor sie etwas erwidern konnte, fügte er hinzu: Glauben Sie, dass ich scherze?“

In gewisser Weise tat sie das. Der ganze Ablauf fühlte sich wie ein böser Streich an und sie wartete nur darauf, dass ihr Mann aufstand und sich zusammen mit den Polizeibeamten totlachte und sagen würde: „Du hättest deinen Gesichtsausdruck sehen sollen. Herrlich!“ Um ehrlich zu sein, wusste sie nicht, welche der Versionen ihr lieber gewesen wäre.

„Wenn sie es nicht sagen wollen, müssen wir sie mitnehmen!“, sagte der Beamte. „Jetzt reicht’s“, dachte sie sich, „Ich lege mich wieder hin und wenn ich aufwache, ist der Traum vorbei!“ 

„Verschwinden Sie!“, entgegnete sie ihnen. Die Beamten packten ihre Arme und zerrten sie von der Couch. Sie schrie mehrfach, dass sie losgelassen werden wollte, doch niemand half ihr. Ein weiterer Polizist kam hinzu, um ihr den Mund zuzuhalten, während seine Kollegen sie in den Keller schleiften. Als sie aufhörte sich gegen die Behandlung zu wehren glich sich ihre Realität plötzlich an die der Beamten an. Auf dem grauen Boden des Untergeschosses stand ein 2 x 1,80 m großer Holztisch, der bei ihrem Abstieg vorgestern noch nicht hier gestanden hatte. Gestern hatte sie ihren Mann auch nicht mit dem Möbelstück gesehen. Was spielte der Tisch für eine Rolle? Viel wichtiger war die verbundene Gestalt, die darauf lag und wie eine schlechte Kulisse aus einer Geisterbahn aussah. 

„Wie können Sie das erklären?“, fragte der Beamte.

„Was?“, stammelte Frau Müller, „Ich weiß es selber nicht.“

„Ist Ihnen bewusst, dass sie zurzeit die Hauptverdächtige eines Doppelmordes sind?“

„Das kann nicht Ihr Ernst sein!“

Sie wusste nicht wie, doch wahrscheinlich müsste sie selbst Tod umfallen, um diesem Elend zu entkommen. Der Beamte packte sie erneut am Arm und sagte: „Zweifeln Sie meine Kompetenz an? Bis wir weitere Beweise haben, nehmen wir sie mit in Untersuchungshaft.“ Er schubste die Frau zu seinen Kollegen, welche sie daraufhin abführten. Die Mumie wurde vom Tisch auf eine Trage gelegt und gemeinsam mit dem Mann zur Leichenhalle transportiert. Noch am Vormittag hatte jegliches Leben das Haus verlassen. 

Zwei Tage später befand sich die Mappe mit dem Obduktionsbericht auf dem Schreibtisch des Beamten, den noch ein Computer und ein Bild seiner Tochter zierten. Er schlug die Mappe auf und ihm präsentierte sich ein Dokument mit dem Schriftzug Obduktionsbericht W. Müller. Die Tatsache, dass das DIN-A4-Papier nicht gelocht war, brachte ihn zum Schmunzeln. Probleme musste man haben! Der Inhalt des Berichts machte sein Leben nicht besser. Es brachte Klarheit in den Fall, aber langweilte ihn zugleich und die Todesursache Rupturiertes Aneurysma an der Aorta ascendens zog gleichgültig vorbei. Er schlug die Akte zu und warf sie auf einen Stapel. Die Hoffnung lag in der Mumie und er wusste, dass ihn dieser Fall nicht enttäuschen könnte. Wo war der Bericht? Warum war noch kein Bericht vorhanden? Was waren das für miserable Arbeitsweisen? Er entschied sich, einen Abstecher in die Leichenhalle zu machen. 
Der geflieste, größtenteils metallbestückte Raum, der acht Leichen und ca. 50 Lebende beherbergen konnte, ruhte in einem Mantel der Stille im Keller des Polizeigebäudes. Das einzige wahrnehmbare Geräusch war das Klicken einer Tastatur. Hoffentlich entstand daraus der Mumienbericht. Den Beamten überzog ein Gefühl der Kälte. Nicht wegen der Leichen und der damit einhergehenden Nähe zum Tod, sondern der postmortalen Wohnräume. 

„Wann ist der Bericht fertig?“, fragte der Beamte. Der Gerichtsmediziner drehte sich zu ihm um und erwiderte:

„Spätestens morgen, aber die Untersuchungsobjekte drängen mich nicht.“ 

„Aber ich. Im Gegensatz zu denen ist meine Zeit begrenzt.“

Der Gerichtsmediziner prustete: „Wenn Sie es so eilig haben, kann ich etwas aus dem Bericht vorwegnehmen.“

Der Beamte nickte. Sie öffneten das Kühlfach und zogen die Mumie heraus. Die Bandagen sahen vergilbt aus und unter ihnen blitzten stellenweise braune Hautareale hervor. Das Wundersamste war der Geruch, denn eine Wolke aus Wacholder und Zedernholz strömte von ihr her. Der Gerichtsmediziner räusperte sich: „Wo soll ich anfangen?“

„Wie wärs mit dem Alter, der Todesursache, der Identität? Muss ich Ihnen Ihre Arbeit erklären?“, erwiderte der Beamte. 

„Darin besteht das Problem. All diese Dinge sind eingehüllt wie dieser Geselle.“ 

Würde er noch weitere Wortwitze machen, gäbe es einen weiteren Toten.

„Können Sie nicht das Alter durch Verwesungsprozesse bestimmen?“

„Normalerweise ja, doch sie ist gut konserviert, was nur eine grobe Schätzung ermöglicht, aber hier ist es ausgeschlossen. Es scheint, als wäre dieser Mensch anorganisch.“

Der Beamte beäugte seinen Kollegen. 

„Was meinen Sie?“

„Die Zeit scheint ihn nicht zu beeinflussen.“

„Aber die Materialien?“

„Als wären sie gestern angelegt worden!“

Was ging hier vor? Ein natürlicher Toter und eine Mumie, von der die Familie nichts wusste? Hatte der Mann mit ihr zu tun? Immerhin befand sie sich in seinem Haus. Wie konnte eine undefiniert alte Leiche frisch hergestellte Bandagen tragen?

„Gibt es etwas, was sie bereits wissen?“, fragte der Beamte.

„Männliches Geschlecht. Keine Pathologien. Gehirn entfernt. Einbalsamiert. Mit Wacholder und Zedernholz eingerieben.“, antwortete der Gerichtsmediziner. „Zudem gibt es keine Todesursache. Ich habe alle Organe untersucht und sie haben den Zustand eines gesunden Zwanzigjährigen.“

„Was ist mit dem Gehirn?“

„Posthum nasal entfernt. Der Rest in einem Zustand, der ihn für eine Organspende qualifizieren würde, als hätte man ihn intensivmedizinisch am Leben erhalten.“ 

Für den Beamten war wieder einer der Tage, an dem das Universum ihm jegliche Sicherheit durch solche Absurditäten nehmen wollte. Alles ergab keinen Sinn und er hatte das Gefühl, als hatte man sein Gehirn auch stückchenweise durch die Nase herausgezogen, da jeder Lösungsversuch ihm Schmerzen bereitete. Der Pathologe wickelte ein Stück der Bandage ab und offenbarte damit das braune Gesicht der Mumie. 

„Schauen Sie sich das an.“, sagte er und deutete auf die Innenseite des Stoffes. Verschiedene Symbole waren fortlaufend angeordnet. Auf dem Abschnitt befanden sich ein Schiff, ein Fisch und eine Sonne. 

„Hieroglyphen?“, fragte der Beamte. 

„Nicht eindeutig erkennbar. Ich werde jemanden konsultieren, um Klarheit darüber zu erlangen.“, antwortete der Gerichtsmediziner, „Die Befunde der Zahnuntersuchungen stehen noch aus. Sie sollten heute Abend fertig sein.“

Der Beamte bedankte sich für all die Informationen, obwohl er durch die Irreführung lieber alles um sich geworfen hätte. Wann erwäge der Sinn endlich in diesen Sachverhalt einzukehren? Vielleicht gäben die Schriftzeichen und die weiteren Untersuchungen Aufschluss über diese Verwirrungen. Obwohl ihn die Art des Kollegen genervt hatte, war er froh, persönlich davon erfahren zu haben, da die Konversation mit dem Dokument weniger aufschlussreich gewesen wäre. 

Am Abend fand er sich an seinem Schreibtisch wieder, doch die Arbeit hatte er vor einer halben Stunde beiseitegelegt und sich dem Inhalt der untersten Schublade gewidmet. Er schenkte sich noch Rum ein und nahm einen kräftigen Schluck, da es ihm wie die einzige Möglichkeit vorkam, unter den gegeben Umständen Klarheit zu erlangen. Um diese Zeit würde niemand dieses Ritual stören und keiner könnte sich über den Alkoholkonsum auf Arbeit beschweren. Er liebte die strengen Richtlinien und starren Prozesse, aber er wollte sich gleichsam vom seelenlosen Bürokraten absondern, für den ihn vermutlich die gesamte Belegschaft hielt. Dennoch machte er es nicht für ihre Augen, sondern für sein Wohlbefinden. Die Gedanken an den Fall ruhten für einen Moment. Plötzlich störte das Telefon seinen Frieden. Er nahm ab und hörte die Stimme des Gerichtsmediziners: „Sie werden es nicht glauben. Die Sache wird immer unglaublicher!“

„Dann raus damit!“, sagte der Beamte mit angespannter Stimme. 

„Die Mumie und der Ehemann sind die gleiche Person.“

Er ließ beinahe den Hörer fallen.

„Was?“

„Die Zähne lügen nicht.“

Wäre diese Entwicklung nicht derart unglaublich gewesen, hätte er den vermutlich selbstgefälligen Ausdruck seines Kollegen verspottet, doch dieses komische Mysterium tat genau das mit ihm. Was hatte er getan, damit ihn die Welt piesackte? Normalerweise freute er sich über solche Fälle, doch dieser trat auf seinen wehrlosen Körper ein und schien mit fortschreitender Zeit die Intensität zu steigern. Er wollte es sich nicht eingestehen, aber es war offensichtlich, dass er nicht mehr weiterwusste.

„Haben die Schriftzeichen was ergeben?“, fragte er.

„Nein. Die Bandagen sind voll damit, aber in keiner bekannten Datenbank aufzufinden.“, antwortete sein Kollege.

Zum ersten Mal seit dem Leichenfund spürte der Beamte den Hauch einer Spur zu haben, der sich aus diesen zwei unabhängigen Fakten ergeben hatte. Er bedankte sich bei seinem Kollegen und beschloss für den nächsten Tag eine unbekannte Datenbank zu konsultieren! 

Inmitten des kargen Verhörzimmers saß Frau Müller auf einem Metallstuhl. Der Beamte betrat den Raum und setzte sich am kleinen quadratischen Tisch ihr gegenüber. Die Stuhlbeine knarzten über den Boden, wodurch es die Körper der Anwesenden schüttelte. 

„Ich habe gute Nachrichten.“, sagte der Beamte, „Sie dürfen gehen.“. 

Mit einem Mikroskop wäre ein Lächeln auf Frau Müllers Gesicht erkennbar gewesen, das durch die mentale Tortur der vergangenen Ereignisse und die Tage in U-Haft hindurchscheinen wollte. Durch ihren Kopf strömte eine Vielzahl an Fragen. Gab es neue Erkenntnisse zum Tod ihres Mannes? Wie ging es ihren Kindern? Hatte man ihr Haus ordnungsgemäß hinterlassen? Als sie im Begriff war das Verhörzimmer zu verlassen, hielt der Beamte sie auf.

„Ich habe noch einige Fragen an Sie.“

„Sie haben mich entlassen. Ich bin Ihnen keiner Antwort schuldig!“, erwiderte die Dame, die endlich ein Ventil bekam.

„Wollen Sie nicht wissen, was es mit der ganzen Sache auf sich hat?“
Sie hielt an, kehrte zum Tisch zurück und signalisierte ihm, dass sie bereit für seine Fragen war.

„Hat Ihr Mann gern geangelt?“, fragte der Beamte. Frau Müller versuchte eine Intention aus seiner Miene abzulesen, doch er hielt ein Schloss davor und ließ den Schlüssel von innen stecken. Als wäre die ganze Sache nicht undurchsichtig genug gewesen, fing dieser Beauftragte des Staatsapparates mit weiteren haarsträubenden Kuriositäten an. Ihr toter Mann, eine Mumie und plötzlich wollte er übers Angeln reden. Am besten besprachen sie ihre nächsten Urlaubsziele und weiteten den Smalltalk aus, um ein Gespräch in Gesellschaft eines Kaffees zu simulieren. Sie entschied sich dennoch zur Kooperation, was auch immer dieser Unfug zu bedeuten hatte.

„Nicht, dass ich wüsste.“, sagte sie. Nachdem sie einen Moment überlegt hatte, fügte sie hinzu: „Aber er wollte einen Angelschein machen… wollte.“
Es war wahrscheinlich das erste Mal, dass sie in der Visage des Beamten Mimik sah. Er grinste.

„Gehörte ein Japanurlaub auch zu seinen Plänen?“  

„Woher wissen Sie das?“, fragte Frau Müller.

Er erklärte ihr die Umstände um den Tod ihres Mannes, was es mit der Mumie auf sich hatte und was sie zu bedeuten schien. Frau Müller würde sich bis abends über die Empathielosigkeit des Beamten ärgern. Ihn störte nichts davon. Nachdem sie den Verhörraum verlassen hatte, verschwand sie gleichsam aus seinen Gedanken. 

Am späten Nachmittag ereilte ihn die Nachricht einer Streife. Eine 25-jährige Frau war bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Die interessantere Sache befand sich jedoch neben ihr auf dem Beifahrersitz. Immerhin wusste er, was ihn diesmal erwartete. 

Im falschen Fell


Seit ich denken kann, ist diese Weide mein Zuhause, in streng begrenzten vier Wänden, die mit jeder Berührung einen Denkanstoß geben. Das Erste, was ich meinem leben spürte, waren die glibberigen Gummihandschuhe der Person, die mich aus meiner Mutter zog. Das Licht der Welt strömte auf mich ein und ich sah einen unserer Götter; um genau zu sein, den der Gesundheit. Noch viele weitere Male sollte er mir einen Besuch abstatten, ohne dass es jemand von meiner Familie wusste. Anstatt mich in die Hufe meiner Mutter zu geben, damit sie mich großziehen kann, ließ man mich auf wackeligen Beinen zwischen silbernen Rohren zu anderen Kindern laufen. Zu dem Zeitpunkt konnte ich mir die Frage noch nicht stellen, aber ist das üblich?
Wir lebten zusammen, teilten uns die Tröge mit Futter und Wasser und spielten miteinander. Mit meiner Freundin Betty lag ich stundenlang im Gras und kaute auf Halmen herum, während wir die Wolken beobachteten, die über die hellblaue Leinwand zogen. Diese Zeit endete, als der Gesundheitsgott einen Schlauch in mich einführte. Kurz darauf spürte ich ein Kind in mir heranwachsen. Würde mit diesem das Gleiche passieren? Würden sie es mir wegnehmen?
Der große Tag kam. In dem Moment, als der Name meines Kleinen in der Welt erklingen sollte, war er bereits fort. Es folgte die Zeit der Arbeit. Unsere Göttin der Nahrung brachte mich zu einem eisigen, fremden Gott. In kleinen Spalieren stand ich mit den anderen in einer Linie und er klammerte sich an meinen Zitzen fest, um mir das zu nehmen, was für mein Kind bestimmt war. Wenn ich darüber nachdenke, fällt mir nur ein Wort dafür ein. Raub! Es war ein gewaltvoller Diebstahl. Mein Euter schmerzte und brannte und die Tortur erstreckte sich über Stunden. Hätte ich meine Milch als Akt der mütterlichen Liebe abgegeben, hätte ich den Schmerz womöglich verkraftet, doch sie erreichte nie die Lippen meinesgleichen. Unsere Götter zelebrieren sie. Unsere Flüssigkeit muss für sie wie Ambrosia sein. Plötzlich bestand mein Leben nur noch daraus. War das das Erwachsenenleben, was man als Kind kaum erwarten konnte? Hätte ich das gewusst, hätte ich mit dem Wachsen aufgehört. Seufz, wäre es doch nur so leicht!
Nach dem ersten Kind hörte es nicht auf. Wieder ging es fort, bevor ich es halten konnte, und man verband mich mit dem Gott des Saugens, mit dem man mich anscheinend still vermählt hatte. Anstatt meinen Bauch von der Sonne brutzeln zu lassen, stand ich auf dem schlammigen Boden dieses Pferchs. Obwohl die Göttin mich vor einiger Zeit von ihm getrennt hatte, werde ich das Gefühl seiner kalten Glocken nicht vergessen. 
Die vertrauten Gesichter verschwanden von Zeit zu Zeit. Immer wieder neue Artgenossinnen in den Pferchen neben mir. Ein ständiger Wechsel, wahrscheinlich dachten sie sich dasselbe. Viele lagen außerhalb ihrer Zweisamkeit mit dem Maschinengott unmotiviert da. Gehorchten sie den Fleischgöttern nicht, schossen sie Blitze auf uns ein. Diese Macht war über uns erhaben und wir hatten keine Chance, außer gefügig zu sein, auf ihre Gnade zu hoffen und nicht in ihrer Aufmerksamkeit zu verweilen. 

Irgendwann sperrten sie mich nicht mehr in dem Pferch ein, doch es fühlte sich nicht wie eine Befreiung an. Die Aussicht für mein weiteres Leben war ein anderes Gitter, nur der Platz darin veränderte sich. Was sollte es anderes für mich und meine Artgenossen geben? Das schien alles zu sein, was uns die Welt bieten konnte. Manchmal wünschte ich mir, dieses Gehege zu verlassen, um ihnen zu zeigen, dass wir nicht auf ihre „Obhut“ angewiesen waren. Obhut… Ich bin noch zu gnädig mit ihnen. Sie sollten froh sein, dass wir nicht die Blitze auf sie schießen können. Nach all dem Leiden wären wir nicht zurückhaltend. Wären wir’s? Hätten wir in ihrer Lage gleichsam gehandelt? Ich hoffe nicht. Das hätten nur andere Umstände offenbart, in denen wir die Göttlichkeit innehätten. Können sie etwas dafür? Was kommt zuerst: Die Macht oder die Korruption? Oder reicht sich beides die Hand und geht gemeinsam auf die Zukunft zu? Es wäre viel leichter, wenn sie uns verständen. Unsere Laute nicht nur als Geräusche, sondern als unsere Sprache, unsere Klagen zu hören. Um zu verstehen, dass wir Schmerzen haben, wir unsere Kinder behalten wollen und wir mit ihnen statt unter ihnen leben wollen. Ist es so schwer zu verstehen? Sie wöllten mit Sicherheit das Gleiche. Wenn wir uns nicht widersetzen können, müssen wir auf ihre Vernunft hoffen. Wahrscheinlich bin ich bis dahin schon tot, doch wenn die kommenden Generationen ein gutes Leben verbringen dürfen, bringt es mir Frieden. Was sollte ich in dieser Stunde anderes denken? Selbstverständlich habe ich Angst, doch der Lauf der Dinge wird unwiderruflich geschehen. Auch wenn ich kein schönes Leben hatte, versuche ich Frieden mit mir zu finden. Hoffentlich wird das Ende nicht so grausam wie der Rest.

Am heutigen Morgen hatten uns die Fleischgötter in einen dieser rollenden Kästen geschickt. Manche machten es freiwillig. Bei Gegenwehr traf sie der Blitz. Sie schlossen die Luke und wir standen aneinandergepresst in diesem dunklen Kasten. Das nächste Mal, als wir das Tageslicht erblickten, bewegten wir uns durch schmale Gänge auf ein Gebäude zu. Eine nach der anderen ging in einen grauen Bereich, aus dem sie nicht mehr wiederkehrte. Vor mir stand Betty. Im rollenden Kasten hatten wir uns in die Augen geblickt und in der komischen Gewissheit, dass es das Ende sein wird, voneinander verabschiedet. Das Letzte, was ich von ihr hörte, waren ihre Schreie. Ich hoffte, dass ich sie nicht mit in den Tod nehme. Sie führten mich hinein und sperrten mich in einen Pferch, der mir das Ausweichen verwehrte. Sie setzten ein Metallrohr auf meinen Kopf, doch ich zuckte weg. Nach kurzer Zeit knallte es und ich verspürte die stärksten Schmerzen meines Lebens. Die Welt begann schwarz zu werden, doch sie verschwand noch nicht. Ein weiterer Knall und ich fiel zu Boden, zappelte und spürte etwas an meiner Kehle, was die Haut durchtrennte. Für mich war es vorbei, doch ich werde nicht die Letzte gewesen sein. 

 



Weltraumschmerz


Der weiße Zylinderkoloss stand auf der Asphaltfläche, umgeben von eingezäuntem Gras und ragte in die Richtung seines Ziels. Noch umklammerten ihn die Fesseln des stützenden Metallgerüstes, doch in wenigen Minuten würden diese mit allen Irdischen herabfallen. Inmitten der Steuerzentrale mit ihren Armaturen und Schaltelementen saß der Passagier, dessen Rücken parallel zum Boden lag, ihn aber längst nicht mehr berührte. Die Anspannung erfüllte das gesamte Innenleben des Cockpits. Die Erinnerungen gescheiterter Abflüge durchfluteten seinen Kopf, die vorherige Fliegende in einem Meer des Feuers ertränkt hatten. Explosionen beim Start oder kurz darauf erschienen ihm nur allzu wahrscheinlich, doch das war der Preis, den er in Kauf nehmen musste. Nun wartete er in diesem Konstrukt, welches als harmonisches Orchester der naturwissenschaftlichen Disziplinen fliegen gelernt hatte, auf das Erlöschen der Gravitation. Man könnte meinen, die Chemie stimme, doch dies würde angesichts der Ernsthaftigkeit die Situation ad absurdum führen. Bereits seit 3 Stunden sehnte er sich nach den erlösenden Worten, die in einigen Augenblicken metallisch und undeutlich aus der Sprechanlage erklingen würden. Seine Hinterseite schmerzte von der statischen Haltung, seine Beine kribbelten durch die schlechte Blutversorgung und seine Blase drückte durch den fehlenden Abfluss. Wenn es nicht sofort losginge, wüsste er nicht, wie lange er in dieser Stase verbleiben konnte, die nur seinen Gedanken Bewegungsfreiheit gewährte. 

Die Kommandozentrale verkündete, dass alle notwendigen Vorrichtungen getroffen und keine technischen Mängel vorzufinden waren, wodurch die Rakete innerhalb der nächsten Minute die Starterlaubnis bekäme. Der Passagier atmete auf. Bald verlasse er diese Welt und mit ihr alles, was ihn an ihr zerdrückte. Glücklicherweise musste man kein Großunternehmer sein, um sich dieses Unterfangen zu ermöglichen. „Startfreigabe“ erklang es aus den Lautsprechern und der Countdown wurde initiiert. Im Gegensatz zu einer Narkose, bei der man bis zehn zählen sollte, verloren die Zahlen an Größe, doch beide folgten dem Ziel den Schmerz zu betäuben. Es verblieben nur Sekunden, bis der Reisende nicht mehr umkehren konnte. 5… Der Koloss begann von seiner Basis aus zu rütteln, wodurch die Muskeln des Mannes eine Massage erhielten. 4… Sein Blick fokussierte sich durch das gewölbte Glas des Cockpits auf das wolkenlose, sanfte Blau des Himmels, welches bald der Schwärze entweichen würde. 3… Wollte er wirklich alles hinter sich lassen? Er versuchte sich auf das Gute zu fokussieren, doch der Schmerz trieb ihn in die düsteren Gassen seines Geistes. 2… Ihm war nie klarer, dass es keine andere Option gab. 1… 

Die Kraft der feuernden Düsen verbreitete sich in seinem gesamten Körper, während die ersten Zentimeter des Startes ihn gänzlich vom Erdboden lösten. Mit geschlossenen Augen hoffte er, das unendliche Nichts zu erreichen und es mit den Sinnen zu erfassen. Die Rakete entfernte sich weiter von seiner Heimat, während die Kräfte der irdischen Schwerkraft versuchten, ihn zu Hause zu halten. Aus der Überzeugung, dass die Rakete gegen diese Naturgewalt gewinnen würde, lachte er in sich hinein. Bald war er frei, vollkommen ungelöst von allem, was ihm außerhalb seines Selbst nach unten zog, da sie gegen 8 km/s nicht ankommen konnten. Nebenbei entfernte sich die Temperaturanzeige von ihrem Ausgangswert. Von den 28 °C des Startbereichs waren mittlerweile noch Einer übrig. Innerhalb von acht Minuten durchstreifte er die Sphären Strato und Meso, bis er in der Thermo nach 100 km endlich die Grenze ins unendliche Land überschritt, die im Namen Kármáns gezogen wurde. 

Die Auswanderung glückte und die mit ihr einhergehenden Hürden erwarteten den Reisenden. Zum einen die Orientierung in unbekannten Territorien, wobei man sich auf markante Punkte konzentrieren musste. Diese Rolle spielten die Sterne und Planeten, die wie Wahrzeichen großer Städte oder gar Kirchtürme in mittelalterlichen Dörfern zur Wegweisung über große Entfernungen dienten. Nur handelte es sich hierbei nicht um einen bequemen Fußmarsch, sondern einen Flug, der mehrere Lichtjahre zurückzulegen hatte. Des Weiteren fragte er sich, welche Kultur das Weltall habe. Lebte man hier allein? Die Geschichten von internationalen Weltraumstationen, die ihre Fluggäste näher zusammenbrachten, als es eine Zusammenkunft auf der Erde könnte, schienen es zu widerlegen. Doch der Reisende war allein und musste es auch bleiben. Dieses Exil konnte man nur mit sich selbst verbringen. Außerdem erfuhr er durch seine Spezies ausreichend Leid, um sein Vertrauen in ein Sozialleben im Weltraum zu zerschmettern. Die Rakete flog einen Bogen und er schaute auf seine Heimat hinab. Der Anblick des blau-grünen Planeten durchstieß seine Brust wie ein Messer, als wäre es das Letzte, was seine Augen je erblicken würden. Mit jeder weiteren Sekunde wechselte das Meer seine Farbe zu Purpur. Linien, die aus dem Nichts entsprangen und an dicht besiedelten Orten endeten, überzogen den Planeten. Heilige Stätten leuchteten im Flackern riesiger Scheiterhaufen auf. Mehrere Städte erloschen als kleine Einschusslöcher von der Landkarte. Aus Zentraleuropa breitete sich eine matschige Flut aus, die bis an die Ost- und Westgrenze des Kontinents reichte und sogar das Mittelmeer überquerte. Nachdem diese stoppte und einsank, überdeckten das Areal blasse Punkte, die es wie Masern überzogen. Aus ihnen begannen plötzlich Schreie zu erklingen, die den Steuerraum mit ohrenbetäubender Lautstärke erfüllten und jeglichen Platz zum Atmen nahmen. Die Erde rotierte weiter und es hörte nicht auf. Der gesamte Planet schien davon überzogen zu sein und alles Unheil schoss ihn durch den Kopf. All die Verblichenen riefen zu ihm. Die Opfer des Mordes, der Gier, der Ausgrenzung, des Hasses, des Krieges im Namen der Macht oder der Heiligkeit, des Unglücks, der Krankheit, des Lebens, sie alle benutzten ihren verbleibenden Atem, um ihn zu quälen. Der Reisende schlug sich gegen den Kopf. „Nein! Nein! Hier oben könnt ihr mir nichts anhaben!“, schallte es durch das Cockpit, „Ich lasse das alles hinter mir!“. War er wie die anderen? Die einhergehende Scham durch die Schuld seiner Spezies ließ die Frage schmerzhaft in ihm aufblitzen. Wäre er zu so etwas im Stande, einfach, weil seine Artgenossen in der Lage waren. Der Mann richtete seinen Blick weg von dem Grauen und starrte in die Weiten des Alls hinaus. Hier hatte noch kein menschliches Unheil stattgefunden. Durch den Trost dieses Gedankens begannen die Schreie zu verblassen, bis sie einem Flüstern glichen und letztendlich verschwanden. Er schwor sich, nie wieder zurückzublicken. Welchen Sinn sollte es haben, außer ihm mit der Last der Welt zu beladen. Nie wieder wollte er sich als Atlas fühlen, sondern das Leben mit der eigenen Hand führen.
Mit einem gelassenen Blick sog er die Leere des Alls in sich auf und entspannte. Hier gab es diese Probleme nicht und würde es nie, was ihm als Garant für den Seelenfrieden galt. Immerhin fühlten sich seine Lungen erstmals an, als gelange die Luft in die tiefsten Alveolen, was durch die sauerstofffreie Umgebung einem Paradoxon glich. In diesem Moment war ihm das eins. Endlich war er frei! Zum ersten Mal seit dem Start verließ er den Pilotensitz und begab sich in den Hinterraum seines schwebenden Zuhauses, in dem auf der einen Seite eine schmale Schlafcouch aus grünem Leder stand. Ihr gegenüber beherbergte ein grauer Metallschrank, der einem breiten Schulspind ähnelte, seine letzten irdischen Besitztümer. Der Reisende drehte die Verriegelung auf und der fein selektiere Inhalt präsentierte sich ihm. Im obersten Fach lag Kleidung, die durch den Start verstreut wurde. Er griff zwischen den T-Shirts, Socken und Hosen seine Hausschuhe heraus, deren Sohlen ein Klatschgeräusch machten, als sie zum ersten Mal den Boden ihres neuen Domizils kennenlernten. Beschuht ließ der Mann seinen Blick über die restlichen Fächer gleiten, in denen in zwei Reihen Bücher gestapelt und in der untersten eine große schwarze Mappe an der Innenwand lehnte. Er zog diese heraus, öffnete den Reißverschluss und schaute auf die Folienseiten, in welchen CD-Rohlinge aufbewahrt wurden. Neben „Abgehen“, „Schlafen“ und „Hurrikan“ glänzte „Ankunft“ in roter Eddingschrift auf dem silbernen Hintergrund. Von der Hülle aus gelangte sie ohne Umwege in das Laufwerk des CD-Spielers, der sich neben der Schlafcouch versteckte. Der Play-Knopf rastete ein und der Reisende schmiss sich auf die Liege. Mit hinter dem Kopf verschränkten Armen wartete er auf die ersten Töne der Quillschen-Playlist. Unter Klavierbegleitung erklang Freddie Mercurys Stimme mit „Tonight I gonna have myself a good time“ und „Don’t stop me now“ fügte dem Inneren Leben hinzu. Mit einer Handdrehung stieg die Lautstärke und der Reisende ließ sich zurückfallen. Seine Augen schlossen sich und er nahm den Moment in sich auf. Grandioser hätte sich sein Aufbruch für ihn nicht gestalten können! 

An der Metallwand über der Schlafcouch zierten sich vier Striche, welche der Reisende mit einem Messer durchstrich. Seit seinem Abflug, dem 24. September, fügte er jeden Tag einen hinzu. Persönlich gab er diesem Zeitpunkt den Namen „Tag der Befreiung“ und rechnete die verstrichene Zeit hinauf, was den heutigen Tag zum „5. nach TdB“ machte. Er legte das Messer beiseite und schaute auf sein Tagebuch, welches er nach der Stunde null begonnen hatte. Die bisher gefüllten Seiten enthielten seine Gedanken, Gefühle und einige Skizzen zur Illustrierung seines Innenlebens. Er hatte über die Zeit reflektiert, die ihm nun zur Verfügung stand. Was fange er mit ihr an, vor allem, da er es nur mit sich selbst tun konnte? Im Zuge dessen hatte er eine To-do-Liste erstellt. Eines dieser Ziele würde er sich in den kommenden Stunden erfüllen, da die Zeit dafür gekommen war. Dabei handelte es sich um einen Ort, den man bei einem Ausflug ins All unbedingt besuchen sollte. Immerhin sprach nichts dagegen! Mit einem breiten Grinsen schloss er das Journal und besetzte das Cockpit, vor dessen Fenster der kraterüberzogene Steinriese zu sehen war. Er steuerte auf ihn zu und machte sich für die Landung bereit. Aus Gründen der Retrospektive entschied er sich, diesen Ausflug auf der hinteren Seite durchzuführen. Nie wieder wollte er riskieren, dass er sich wie beim Abflug fühlen müsse und die Stimmen nach ihm schreien würden. 

Sein Shuttle rüttelte Staub und Mondgestein auf, als es sich dem Boden näherte. Die Standbeine knallten auf die Oberfläche und erschütterten den gesamten Innenraum. Mit Sicherheit müsse er nach dem Abflug erneut seine Wäsche sortieren. Gleich war der Moment gekommen, indem er etwas unternehmen würde, was bisher wenigen Menschen gewährt wurde. In gewisser Weise machte es sie gleich, doch die Gründe konnten nicht unterschiedlicher sein. Zudem war er überzeugt, dass der Großteil seiner Spezies nicht bereit wäre, seinen Preis zu zahlen. Für ihn erwies sich dieser Tagesausflug als Bonus, als Sahnehäubchen des Exils, was sich nicht der Askese hingeben müsse. Auf der Erde war der Verzicht manchmal eine Tugend, doch wem schade diese kleine Expedition. Ob zwanzig weitere Asteroiden die Mondoberfläche nach unten verlagern oder sein Shuttle sie gerade mal streichle, spielte keine Rolle. Das eine war die unbändige Gewalt der Natur und das andere der durchdachte Versuch, extraterrestrischen Boden zu betreten. Er nahm dem Raumanzug, der an der Außenseite des Spindes hing, schlüpfte hinein und begab sich in die Schleuse. Mit einem Knopfdruck verriegelte sich die hermetische Tür hinter ihm und der Innendruck begann zu sinken. Der Reisende konnte die Realität dieses Moments weiterhin nicht erfassen. Er fliege nicht nur durchs All, sondern betrete einen anderen Himmelskörper, was er sich als Durchschnittsbürger für sein Leben nie erträumt hätte. Was war es für eine wundersame Eigenschaft des Schmerzes, dass dieser den Menschen an die entlegensten Orte trieb? Entweder wuchs er über sich hinaus und erreichte unvorstellbare Höhen oder ließ sich vom Abgrund verschlucken, der durch seine verschlossenen Zähne nie Tageslicht einließ. Der Reisende blieb unschlüssig, zu welchem Pol sein Leid ihn getrieben hatte. Bisher fühlte es sich wie der Gipfel an, auf dem er vollkommen von der Sonne gesättigt auf eine wundervolle Kulisse blickte. Momentan konnte der Abgrund nicht entfernter sein, doch die Gefahr bestand darin, dass dieser hier am tiefsten war. 

Die Außentür öffnete sich und die graue Mondlandschaft samt ihrer Krater und Hügel begrüßte den Ankömmling. Er hielt sich an der Leiter fest und schlängelte sich daran nach unten, während seine Beine versuchten, nach oben abzudriften. Mit einem kleinen Sprung erreichte er die Mondoberfläche. Er dachte sich, dass es das perfekte Wetter für einen Spaziergang war. Wahrscheinlich galt das für jeden Tag, außer es war ein Asteroidenregen angesagt. Sein Lachen erklang dumpf in seinem Helm, als er sich über seine eigene Absurdität belustigte. Es erstaunte ihn, wie sehr die langweiligen, gewöhnlichen Dinge an Reiz gewannen, wenn man sie an unnatürliche Orte verfrachtete. Unter einem Wasserfall duschen oder auf der Sonnenoberfläche Spiegeleier braten, wobei beides es nicht auf seine To-do-Liste schaffte. Selbst auf dem Mond bewirkte ein Spaziergang Wunder. Die Gedanken bekamen endlich Freilauf und sprudelten in unvorhergesehener Kreativität, als bringe jeder Schritt nicht nur den Körper, sondern auch den Geist in eine bestimmte Richtung. Vermutlich ging es hier durch die Leichtigkeit der Schritte umso besser. Der Reisende legte für sich fest, wieder zurückkehren zu wollen. Er dachte an jeden Sonntag und befand es für klischeebehaftet, aber einmal pro Mondumdrehung wollte er sich auf dem Boden des stillen Erdenbeschützers wiederfinden. Hoffentlich würden ihm das nächste Mal einige Mondmänner begegnen, mit denen er sich anfreunden könnte. Wenn der Rest seiner Spezies nichts taugte, musste die Hoffnung außerhalb dieser liegen. Zudem braucht jeder einen Freund und der Reisende wollte seine Vorräte weder mit einem Tier noch einer Zimmerpflanze teilen, auch wenn sie treue Gefährten abzugeben scheinen. Wie es aussah, müsste er warten, bis er den Mondmännern Auf Wiedersehen sagen könnte. Der Reisende prustete über all die Referenzen, mit denen er geliebten Dingen eine Hommage spendierte und versuchte, den bitteren Beigeschmack herunterzuschlucken, da er deren Entwicklung nicht mehr verfolgen konnte. Nach drei weiteren Stunden lockeren Mondlaufens kehrte der Mann zu seinem Schiff zurück. Welch herrlicher Tag!

Am 15. Strich nach TdB zutschte der Reisende an einem plastikumhüllten Brei mit Rouladengeschmack, der durch einen kleinen Schlitz in seinen Mund floss. Wann würde ihn die fehlende Variation in der gleichbleibenden Konsistenz langweilen? Der Geschmack war überragend, doch die einzigartige Optik der jeweiligen Bestandteile reizte gänzlich andere Sinne. Zudem fehlte ihnen dadurch der Charakter. Das weiche Schneiden der Zähne durch perfekt gegartes Fleisch, was einem langsamen Fall in einen sanften Schlaf glich, oder das zerschmetternde Knirschen, in denen Karotten ihr Ende fanden, wenn sie wiederholend zermalmt wurden. Die Kombination mehrerer dieser Eigenschaften ergab ein Gericht, welches dadurch eine eigene Persönlichkeit bekam. Die Frage sollte nicht „Was man zu Abend esse?“, sondern „Mit wem man sich zu Abend treffe?“ lauten. Doch all diese aufmunternden Gedanken machten die Flüssignahrung nicht appetitlicher. Es gehörte wohl zu den Dingen, die man sich weder schön denken noch trinken konnte. Die Nüchternheit, dass sich bei jeglicher Mahlzeit nur ein Schlürf mit einem anderen Schlürf kombinieren ließe, machte das Essen noch schaler. Nach 15 Tagen hatte der Reisende seine Verpflegung wortwörtlich satt. Was sollte er dagegen unternehmen? Für die Kulinarik wieder in den Schmerz eintauchen, der ihm gänzlich den Appetit verschlagen würde? Keinesfalls! Lieber würde er bis ans Ende diesen Brei trinken, als sich wieder klein zu fühlen! Eine weitere Option wäre ein interstellarer Imbiss, vermutlich der Erste seiner Art. Die lagebedingte Monopolstellung machte diese Idee umso attraktiver. Warum sollte der Rest des Universums auf die großartigen Speisen der Erde wie Currywurst mit Pommes oder Döner verzichten? Es entsprach der Definition des Win-Win, da er seine Lieblingsgerichte für andere und vor allem für sich selbst zubereiten könnte. Problematisch zeigten sich jedoch die Logistik und die vermutlich geringe Nachfrage. Vor allem die Anlieferung stellte die größte Hürde dar, weil er sonst einfach für sich selbst bestellen würde. Warum war das nicht möglich? Auf der Erde würde es mit Sicherheit einen Lieferdienst geben, der nur darauf warte, endlich schlecht bezahlte Raketenkuriere in miserabel instandgehaltenen Transportmitteln loszuschicken. Der Schmerz ließ den Zynismus aus ihm sprudeln. Nach all dem Hohn wollte er es ihnen zurückzahlen, selbst wenn er der Einzige war, der es hören würde. Er hielt seine Hand nach oben, kippte die Plastiktüte bis zum Anschlag, damit die letzten Tropfen der Rouladenmischung seine Zunge beträufelten und warf das „Einmalgeschirr“ in den Müll.

Die Wand zählte nun 27 Striche nach dem TdB. Der Reisende saß mit überschlagenden Beinen in seinem Pilotensitz und lehnte mit jedem Millimeter seiner Rückseite an der Lehne. Auf seinem Schoß ruhte ein dicker Wälzer, von dem er hochgesehen hatte, um in die Sterne zu schauen. Jeder Mensch hat seinen bevorzugten Ort, um sich in Bücher zu vertiefen. Manche lieben es, die Zeilen entlangzugleiten, während die Haut vom Brennen der Sonnenstrahlen und dem Kribbeln des Sandes irritiert wird und zeitgleich die Wellen sanft ans Ufer rauschen. Andere präferieren das Panorama der Berge, die Alleen eines Parks oder andere Naturmotive, die fabelhafte Gemälde abgeben würden, wodurch sich die Frage stellt, ob man sich überhaupt auf das Geschriebene konzentrieren könnte. Im Kontrast dazu stehen die grauen, müden Möbel einer Bibliothek, in der man in das Buch flüchtet, um an einen lebhafteren Ort zu gelangen. Zum Schluss gab es den Reisenden, der sich den Blick auf den Weltraum aussuchte, in dessen Nichts ohne schillernde Ablenkungen er vollkommen in den schwarzen Lettern versinken konnte. Er richtete seine Aufmerksamkeit zurück auf das dicke Buch, welches der langwierige Roman war, der einige Haushalte schmückte, ohne je gelesen worden zu sein. Es handelte sich um Krieg und Frieden von Leo Tolstoi, dessen 1536 Seiten ihren Leser Monate bis Jahre beschäftigen konnten. Es war fraglich, ob ein Schriftstück, was sich mit dem Leben mehrerer Charaktere während der napoleonischen Kriege beschäftigte, die richtige Lektüre war, wenn man dem Unheil der Welt entkommen wollte. Dem Reisenden war es gleich, da er sich gut von der Fiktion distanzierte und endlich seinen Lesestapel abarbeiten wollte, der mit jedem weiteren Bücherkauf den Mt. Everest überragen würde. Er besaß die Zeit dafür. Warum sollte er sie nicht nutzen? Hier oben konnte ihm niemand neue Geschichten erzählen und sein Alltag brachte keine entsprechenden Narrative hervor.

Am 56. Strich nach TdB befand er sich an keinem nennenswerten Ort in der Galaxie. Der Blick des Reisenden haftete an der Decke wie ein zäher Kaugummi unter einer Schulbank. Seine Atmung sprach in Langeweile, als er die Lippen wie ein Motorboot beben ließ. Etwas Abwechslung musste her! Ihn überkam die Idee, mit der Technik seines Schiffs zu spielen, um einen Zustand hervorzurufen, der nicht nur sein Gemüt, sondern sein ganzes Wesen erheben würde. Er ging zur Schaltzentrale und deaktivierte den Gravitationsgenerator, welcher ihn innerhalb seines Zuhauses am Boden hielt. Nach 5 Sekunden ausgeschalteter Schwerkraft bemerkte er, wie seine Fußsohlen sich vom Boden lösten und sein Kopf der Decke näherkam. Er drehte sich zur Kabine hin und bewegte sich im Stil des Brustschwimmens zu seinem Schrank. Um den Weg amüsanter zu machen, fügte er zwischendrin eine Rolle hinzu. Seine Hände hielten sich an der kalten Fassade des Schrankes fest. Er öffnete ihn und sah, wie seine Sachen darin schwebten. Um keinen Asteroidengürtel aus Habseligkeiten in den Innenraum zu lassen, krallte er sich die CD-Mappe und drückte die Schranktüren wieder zu. Er zog den Rohling “Kopfstimme Mitsingen” heraus und schnipste diesen in Richtung der Stereoanlage. Während des Fluges ließ dieser durch die Rotation und das einfallende Licht immer wieder unterschiedliche Stellen aufblitzen. Er fischte die CD aus der Luft, legte sie in den Player und startete die Musik. Als er wieder in die Mitte des Schiffes schwamm, spielten im Hintergrund die ersten Töne von Earth, Wind & Fire’s September. Badamm bam bam, badamm bam bam. Er wippte losgelöst vom Boden rhythmisch mit dem Kopf und sang: “Do you remember, the 24th Day of September? Where I reached for the Stars. Dismember, my earthly pain.” Im Refrain erstrahlte das Shuttle in den hohen Tönen seiner Kopfstimme. “Badeya, say that you remember? Badeya, escaping in September. Badeya, never going back again!” Beim “Badu Badu” brach er plötzlich in Gelächter aus. Nicht nur hatten ihn das Fliegen leicht gemacht, sondern auch die Mischung aus bekannter Rhythmik und Melodie, die er mit seiner eigenen Kreativität gepaart und damit seinen Theme-Song für die unendliche Reise geschaffen hatte. Bereits auf der Erde schaffte es die Musik Leichtfüßigkeit zu gewähren, als wären die Naturkräfte, die uns am Boden halten, auf ein Minimum reduziert. Mit den Möglichkeiten des Alls erlebte man sie in einem neuartigen Zustand, der das i-Tüpfelchen auf die sonore Erfahrung setzte. Obwohl das Lied sich dem Ende zuneigte und sich bereit machte, seinen Platz an das Nächste freizugeben, hielt seine Ekstase für den Rest des Tages an.

Auch am 83. Strich nach TdB kreiste das Schiff, wie man es in diesem Umfeld erwarten würde, im Nichts. Der nächstgelegene Ort für einen Himmelskörperspaziergang blieb immer noch der Mond, doch das Schiff entfernte sich fortwährend von ihm. Der Reisende schielte eher in die Richtung des Mars, aber während der gesamten Flugzeit könnte man auf der Erde ein Kind auf die Welt bringen und seit seiner Abreise wäre nicht mal das erste Trimenon geschafft. Der Reisende musste sich Abhilfe schaffen, da ihm sonst das metallene Dach auf dem Kopf fiele. Er entschied sich für einen Ausgang ins Weltall, in dem er schwerelos vor sich hingleiten würde. Im dichten Raumanzug in der Schleuse stehend sicherte er seine Rückkehr mit einem Gurt, welchen er an zwei Punkten auf Hüfthöhe fixierte. Die Außentür öffnete sich und er glitt in die Schwärze mit unerreichbaren Leuchtpunkten, mäßig weit weg liegenden Himmelskörper und nahen Gesteinsmassen hinaus. Mit der Leine an seinem Hosenbund erzeugte es das makabre Bild, als führe sein Raumschiff ihn zum Gassi aus. Er schwamm voran, bis er den rigiden Widerstand seiner Befestigung spürte, die ihn keinesfalls loslassen wollte. Irgendwie fühlte es sich dieses Mal anders an. Er wollte von allem losgelöst sein, doch Ketten hielten ihn wieder an etwas fest. Die wirkliche Vorrichtung, die seine Heimkehr sicherstellte und der Gedanke, dass es außer ihm hier oben nie etwas anderes geben würde, nahmen ihm die Zuversicht an diesen Wunsch. Vielleicht konnte er die Kosten, die seine Flucht mit sich brachte, bisher verdrängen, aber die zerschmetternde Realität seines Umfeldes verbrannte seinen Traum der Ungebundenheit zu Asche. Als starres Objekt schwebte der Reisende im All, beraubt von der Möglichkeit, sich zu bewegen. Für ihn fühlte es sich an, als wäre sein Blut in Eiswasser verwandelt worden und sein Herz pumpe mit jedem Schlag die kühle Flüssigkeit in jede Kapillare seines Körpers, sodass seine Zellen erfroren, die Nerven ihre Potenziale verloren und die Muskeln zu langen, dunkelroten Eisblöcken erstarrten. Das Einzige, was dem nicht erlag, waren seine Gedanken, die weiterhin flossen, aber definitiv einen Gefrierbrand erlitten hatten. Sein Bewusstsein verengte sich auf diese Offenbarung. Ihm war es gleich, ob er weiter hier draußen verbliebe oder zu seinem Schiff zurückkehrte. An seinem Zustand würde es nichts verändern. Er hatte sich dazu verdammt für die Ewigkeit im All zu schweben, ganz gleich, ob ihm ein schützendes Konstrukt umgab oder er sich offen in der lebensfeindlichen Umgebung befand. Was blieb ihm anderes übrig? Umkehren und auf die Erde… „Nein! Niemals“, schrie es in ihm auf. Es fühlte sich nach Schwäche an. Keinesfalls wollte er die Vergangenheit gewinnen lassen. Die Zukunft gehörte ihm. Wenn sie sich als derart grauenvoll erwies, musste er sie akzeptieren, wenn er die andere Option verneinte. Immerhin war es sein Schicksal, was ihm hier keiner nehmen konnte und er drehte die Medaille des Schmerzes auf diese Seite, womit er seine Entscheidung besiegelte. Was im nächsten Moment geschah, schien angesichts seines Zustands des Kälteschocks unglaublich, da warme, salzige Tränen über sein Gesicht hinabglitten und sich im Vollbart verfingen, der seit dem Aufbruch wie Efeu im unteren Bereich seiner Visage sprießte. In einem Kraftakt, der seinem Raketenstart glich, taute sein Inneres gerade genug auf, um seine Bewegung zurückzuerlangen. Mit einer 180 ° Drehung schlang er das Halteband um seine Hüfte, um den Blick zu seinem Zuhause zu wenden. Das teflonbeschichtete Material seiner Handschuhe berührte die Oberfläche der Halteleine und er zog sich zu seinem Schiff zurück, als würde er mit diesem Tauziehen. Er schloss die Schleuse, legte seine Kleidung ab und sank auf das Bett. Mit der Decke über dem Kopf und der Stellung wie im Mutterleib kauerte er auf der Matratze und hoffte auf die Erlösung des Schlafs, den seine zirkulierenden Gedanken für mehrere Stunden hinauszögerten. 

 Die Wand schrieb den 89. Strich nach TdB und seine Welt schien nur noch in dem Grau seiner Metallumgebung zu existieren. Nicht nur das Tütenessen schmeckte fahl, sondern auch die Luft, die seine Atemwege durchströmte, als wäre sie verbraucht und ohne jegliches Leben darin. Obwohl die Schleuse dicht verschlossen war, durchflutete die Leere des Universums das Innenleben seines Zuhauses und seiner Seele. Der Reisende raffte sich auf, um in seinen Pilotensitz zu kommen und hoffte dabei auf einen Perspektivwechsel, was bei der Abwesenheit der Außenwelt lächerlich erschien. Doch hinter der Fensterscheibe seines Cockpits zeigte sich in weiter Ferne der strahlende Stern, der oftmals die Gemüter der Erdenweise erhellen ließ. „Vertreib die Schwärze aus meiner Sicht“, flüsterte er vor sich hin. „Wenn fliegen leicht macht, warum fühle ich mich so schwer?“ Es war die geballte Kraft der Abwesenheit, die ihn innerlich verzerrte. Konnte die Sonne seine neue Quelle des Lichts werden? Sie zu seiner Göttin machen, um die unerschütterliche Stärke eines Gläubigen zu erreichen, der darin einen Begleiter bis ans Ende seiner Zeit fand, dessen Fußspuren neben seinen verliefen und falls sie verschwanden, er wusste, dass es seine Eigenen waren, da er von dieser omnipotenten Gestalt getragen wurde. Er musste es versuchen. Nur indem er ihr näher kam, konnte er wissen, ob sich dieses Versprechen bewahrheiten würde. Der Reisende änderte den Kurs seines Flugobjekts, der bisher an die Grenze der Milchstraße führen sollte. Mit dem Starten der Antriebe erwachte das Raumschiff aus seiner Stase und bewegte sich in die Richtung, in dessen Spitze zeigte. Er setzte alles darauf, der Kälte durch das Erreichen der Wärme zu entfliehen, wie ein Urlauber, der im Winter auf die andere Hälfte des Äquators flog. 

„Bitte, verbrenn dich nicht!“, hörte er eine hohe, beinahe piepsende Stimme sagen. Der Reisende schreckte auf und sein Blick suchte sein Zuhause nach dessen Quelle ab. Die Stimme wiederholte ihre Aussage, wodurch der Mann aufsprang und zum Wohnbereich hastete. Woher kam sie? Es war unmöglich, dass jemand anderes an Bord war. Wer war dieser blinde Passagier? Auf den Schläfen des Reisenden bildete sich jeweils ein See aus Schweiß. Sein Kopf schwank wild und ohne jeglichen Fokus zu den Seiten, als riss eine unsichtbare Hand ihn umher. Mit bebenden Händen durchwühlte er seine Sachen und schmiss sie hinter sich auf den Boden. Als Nächstes waren die Bücher und die CD-Mappe an der Reihe, wodurch sich hinter ihm ein Hügel seiner Besitztümer bildete. Vor ihm stand nun der leere Schrank, in dem er seinen Kopf hineinsteckte. Mit der Akribie einer Maschine suchte er die Regalplatten ab. Als er auf deren Oberseite nichts finden konnte, riss er sie von ihren Metallbügeln, um die Unterseite zu untersuchen. Das gleiche Prozedere mit demselben Ergebnis: Hier suchte er vergebens. Seine Aufmerksamkeit richtete auf sein Bett. Er durchsuchte die Bettwäsche, zog sie ab und schmiss sie zu den anderen Sachen. Im nächsten Schritt hob er die Matratze an, um den Bettkasten zu erkunden. Erneut scheiterte seine Suche. „Wo bist du?“, schrie er mit einer Gewalt, dass die Wände erzitterten. „Zeig mir dein Gesicht!“ Ihm schoss eine Idee in den Kopf. Natürlich musste es das sein!? Er eilte zur Stereoanlage und zog ihren Stecker. Unmöglicherweise konnte die Stimme erneut erklingen. In einer Gewissheit des Sieges atmete er auf. Inmitten des Chaos ließ er sich zu Boden sinken und lachte triumphierend über seine Scharfsinnigkeit.

Die Zeiterfassung zeigte 96 Striche und 12 Kreise. Der Reisende saß in seinem Stuhl, als klebe er daran fest. Das Gleiche galt für seine Sicht, die sich nicht mehr vom sakralen Himmelskörper lösen wollte. Er brauchte ihr Licht wie eine Pflanze, um die Energieumwandlung aufrecht zu erhalten, was hierbei nicht durch Chloroplasten, sondern die persönliche Sinnbeimessung des Bewusstseins entstand. Seit mehreren Tagen verweilte er in diesem Zustand der Huldigung, welchen er weder durch die körperlichen Bedürfnisse wie die Nahrungsaufnahme oder die Defäkation unterbrechen ließ. Als Beweis dafür zeigten sich leere Plastiktüten, die eine halbdurchsichtige Straße mit Farbflecken auf der Steuereinheit bildeten und ein halbgefüllter Eimer mit einer Emulsion aus gelben und braunen Bestandteilen. Keine weltliche Sache durfte seine Spiritualität durchbrechen. Er befürchtete, dass seine Göttin die Schmerzen als Strafe für diesen ketzerischen Akt der Blasphemie zurückkehren lassen würde. Als Beweis seiner Aufopferung wollte er ihr zeigen, dass er als frommer Solarist nie mit der Sünde verkehren würde. Sein Glaube sollte unerschütterlich sein; und dementsprechend seine Handlungen. Plötzlich suchte die helle Stimme das Schiff wieder heim. Der Reisende war sich sicher, dass es die Schlange; die Versuchung sein musste, die ihn aus seiner meditativen Stellung der Sonnenanbetung locken wollte, um ihre Bindung zu trennen. Anders konnte er es nicht erklären. Er würde ihr widerstehen, während intermittierend das „Bitte, verbrenn dich nicht!“ um ihn hallte. Die Frage ihres Ursprungs blieb jedoch ungeklärt. Die Stereoanlage befand sich seit dem ersten Vorfall nicht mehr am Strom und die Lautsprecher im Cockpit hatten sich nach dem Start deaktiviert. Was spielte das für eine Rolle? Als ob göttliche Mächte dem Materiellen und dessen Gesetzen nicht erhaben waren. Am liebsten würde er aufstehen und jegliche Tonquellen aus der Schleuse in das All verbannen, doch er verbat es sich, weil er sich deren Willen hingeben würde. Sein Blick starrte weiterhin zur Sonne, doch die Fragen wirbelten mit der Stärke eines Taifuns hinter seinen Augen umher und zerrten an seiner Konzentration. Sein Körper musste in diesem Zustand erstarren, damit er all seine Energie in deren Beantwortungen fließen lassen konnte. Wer versteckte sich hinter dem Symbol des Verführers, welcher hier als Antagonist seiner geliebten Sonne entgegenwirkte? War es der Mond? Nein, dieser arbeitete für sie, indem er die Erde beschützte, als lunare Verteidigung der Umwelt und ansässigen Wesen. Natürlich! Wie konnte er so blind sein? Am liebsten hätte er seine Hand gegen die Stirn schnellen lassen, doch er befürchtete, dass es seine Sicht einschränkte. Wer war der natürliche Feind des Lichts, der alles in sich verschlang? Es musste ein schwarzes Loch sein, das durch seine immensen Anziehungskräfte alles hinter dessen Ereignishorizont einsperrte und nie mehr losließ. Doch wie entkam die Stimme dieser Gewalt? Waren es tatsächlich dunkle Mächte, die ihm einen Streich spielen wollten? Nein, die Stimme klang hell und warnend, fast schon warm wie die eines Freundes. Mit dem stetigen Einfall des Lichts auf seine Netzhaut durchflutete ihn die Erleuchtung. Niemand anderes, als seine Angebetete sprach zu ihm. Der Reisende begann ihre Worte zu interpretieren und damit zu dechiffrieren. 

„Vertreib die Schwärze aus meiner Sicht. Befrei, aber verbrenn mich nicht.“, murmelte er vor sich hin. Der Mann verstand es als Hinweis auf sich Acht zu geben, als Aufruf das Leben unter der Führung ihrer Wärme zu ordnen, ohne sich dabei zu vergessen. Allmählich wandte er seinen Fokus von der Sonne ab und schaute auf sich. Dort, wo vor einigen Tagen noch ein gesunder Fettanteil ruhte, zeichnete sich nun ein flaches, mageres Terrain ab. „Danke, oh Allmächtige. Danke!“, rief er und wusste worin seine Aufgabe bestand. Obwohl es seine Faszination bekräftigte und in ihm das Verlangen wuchs, ihr weiter optisch zu huldigen, musste er nach ihrer Vorgabe handeln. Zum ersten Mal seit unbekannter Zeit verließ er seinen Stuhl, entsorgte den Inhalt des Fäkaleimers und brachte Ordnung in den Sachenhaufen, der seit ihrer ersten, fehlgedeuteten Ansprache entstanden war. Der Wohnbereich erhielt wieder die Fürsorge, den er verdiente. Als nächsten Schritt würde er das Gleiche für sich tun. Seine Hände glitten in die Kühlbox mit den Nahrungstüten, wobei ein eisiger Hauch seine Haut überzog und er griff mindestens ein Dutzend gefüllte Plastikbehälter heraus. Innerhalb weniger Minuten verleibte er sich diese ein, wobei deren Inhalt gegen seine Magenwand presste und sich ein starker Brechreiz ausbildete. In der gefestigten Überzeugung akzeptierte er dieses Unbehagen als notwendiges Übel, da er es als Akt des Glaubens betrachtete. Er entleerte die letzte Tüte, entsorgte seinen Abfall und legte sich auf sein Bett, wobei er durch die Krämpfe immer wieder zusammenzuckte. 

96 Striche, 26 Kreise und ein metallenes Krächzen. Der Reisende trat einen Schritt zurück und begutachtete sein Werk, welches sich über der Wand seines Bettes erstreckte. Auf dieser befanden sich neben der Zeiterfassung nun eine große Sonne, von der Wellen entsprangen und ein Raumschiff, was sich auf diese zubewegte. Der Detailgrad ähnelte der Zeichnung eines Kindes, welches nie zeichnerisches Talent in sich tragen würde. Im Gesamten glich es einer Höhlenzeichnung, die, falls Menschen oder andere Entitäten sie fänden, ähnlich den Pyramiden oder dem Maya-Kalender zu den großen Mysterien der Welt aufsteigen würde. Für den Reisenden stellte es schlichtweg einen Ort der Huldigung dar. Keinesfalls beherbergte es die Ästhetik eines Fensterbildes oder die Heilige Dreifaltigkeit eines Triptychons, welche sich nach dessen Aufklappen präsentierte, aber ihm genügte die persönliche Sinnbemessung, die den Wert ins Unermessliche erhob. All die Energie, die er in seinen Pilgerpfad steckte, sollte sich nicht nur in seinem Leben, sondern in seiner gesamten Umgebung; dem Handeln widerspiegeln. Mit dem nächsten Krächzen das Messers ritzte er den ersten Buchstaben der Losung ein, dem ihm die Stimme wiederkehrend verkündete. „Bitte, verbrenn dich nicht!“ unterschrieb das Bildnis. Er legte sein Werkzeug weg und wandte sich zum Cockpit, um sich am Anblick seiner Göttin zu ergötzen, woraus weiterhin der Großteil seines Alltags bestand. Außenstehende empfänden diese Prozedur mit Sicherheit als dröge, aber nach den strengen Richtlinien seiner Spiritualität war es die höchste Form der Huldigung, was Ungläubige seines Erachtens nie verstehen könnten. Allein durch ihre Form erhielt die Sonne Vollkommenheit. Der Kreis, das Mandala und die darin beinhaltete Verbindung zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten, welche zur Findung und Verwirklichung des Selbst beitrug, um das vollständige Individuum zu schmieden. Wie konnte eine derartige Gestalt keine Heiligkeit aufweisen, wenn sie von der Natur selbst davon durchflutet wurde? Im Gedankenzyklus seiner Anbetung vernahm er wieder ihre Stimme, die ihn diesmal mit anderen Worten konfrontierte.
„Spürt ihr’s schon?“, fragte sie. Woher kam die Mehrzahl? Gab es außer ihm noch andere seines Glaubens, die eine Reise wie er bewältigten? Wenn es sie gab, musste er sie finden, aber wo hielten sie sich auf? Flogen sie aus anderen Orten des Universums auf die Sonne zu? Das Suchgebiet wäre zu groß, um sie einzeln aufzuspüren. Plötzlich festigte sich in ihm die Idee, dass es nur einen Ort geben konnte, an dem er sie antreffen würde. Die Gemeinsamkeit, die sie alle in sich trugen, war das Ziel. Vermutlich würde er sie an den Randgebieten der Sonne treffen. Vielleicht befanden sich bereits einige in ihr. Es gab nur eine Möglichkeit, es herauszufinden und der Entschluss des Reisenden stand: Er musste in die Sonne, um seinesgleichen zu finden und mit ihnen im Paradies zu leben. Der Weg dahin dauerte immer noch eine Ewigkeit, doch er lebte in ihr. Mit diesem Entschluss legte er seine gesamte Anstrengung hinein und sehnte sich nach der Zusammenkunft, dessen Gedanke daran sich hoffentlich in naher Zukunft materialisieren würde. 

Am Tag des 96. Striches und der 121 Kreise schien dieser Moment endlich gekommen zu sein. Noch nie war er der Sonne näher gewesen, was sich darin zeigte, dass nur noch ein kleines Porträt ihrer gewaltigen Anmut vom Cockpit aus zu sehen war. Mit seinem Handballen schob der Reisende den Geschwindigkeitshebel nach vorn, um die maximale Fortbewegungskraft des Antriebes auszureizen. Tage, Stunden, Minuten oder welche Zeiteinheit ihn von seinem Ziel trennten, spielten keine Rolle mehr, seitdem sich das Objekt seiner Begierde in greifbarer Nähe befand. Er müsste nur noch seine Hand durch die Glasscheibe strecken, um die Kraft der Sonne auf seiner Handfläche zu spuren. Er vergaß den Ursprung dieser Redewendung, doch es musste von einem Gleichgesinnten stammen. Das Schiff steuerte rasant auf den heißen Koloss zu. Nun gab es kein Zurück, doch das stand nicht zur Debatte. Es musste geschehen und es fühlte sich an, als obliege seine Flugbahn seit längerer Zeit höheren Mächte, was ihn in seinem Vorhaben stärkte. 
„Bitte, bitte, verbrenn dich nicht“, hörte er die Stimme erneut sagen. Der Reisende lachte. „Wie sollte ich? Du hast mich zu dir gerufen und wirst mich in deine schützenden Wogen aufnehmen. Du versprachst mir freies Geleit in deine heiligen Sphären und gabst mir die Sicherheit, sie unversehrt zu erreichen. Ich bin kein griechischer Wicht, der versucht, dich mit Gewändern aus Wachs zu erreichen. Er schenkte dir nie glauben. Doch dieses Metall wird mir Schutz gewähren und uns vereinen. Das ist meine Bestimmung. Du hast sie mir gezeigt. Du vertriebst die Schwärze aus meiner Sicht und dafür schenke ich dir mich. Gleich sind wir vereint!“, rief er unter den rhythmischen Tönen seiner Steuereinheit. Den Reisenden umgab ein Gefühl der Wärme, als durchflute heißes Wasser jeden Femtometer seines Körpers, seine Kleidung füllte sich mit Schweiß und er deutete es als Zeichen seiner baldigen Ankunft. Ohne Ziel hatte er sich auf dem Weg gemacht. Kalt und allein ließ es ihn, bis er zum ersten Mal ihre ferne Wärme verspürt hatte. Nun erreichte er einen Ort, der endlich wieder Leben in ihm entfachte. Die Töne innerhalb seines Schiffes erreichten ihre maximale Lautstärke. Plötzlich erloschen sie samt dem Licht innerhalb seiner Kabine, doch die Sonnenstrahlen spendeten genug davon, um die Umgebung zu erhellen. Noch mehrere Millionen Kilometer entfernt gab sich das Material seines Schiffes ihrer Kraft hin, bis sie alles in sich verschlang. Endlich hatte er sein Ziel erreicht und das Weltliche erlosch in ihrer Umhüllung. 

Das Ende in Weiß


Die teuren Anzüge lagen bereit. Die Koffer waren gepackt. Strahlend liegt sie neben den zusammengelegten Sachen auf dem Bett. Morgen war der große Tag! Seit Monaten hatte sie sich diesen Augenblick herbeigesehnt. Während ihre Gedanken darüber kreisten, fielen ihre müden Augen zu. Immer und immer wieder, bis alles in der Dunkelheit verschwand, ohne es zu wissen. 

Eine große Hand streichelte sanft über ihren Kopf. „Guten Morgen, mein Schatz“, sagte eine vertraute Stimme. Ihre Augen öffneten sich und die Silhouette einer Frau zeichnete sich in ihr Blickfeld. Mit jeder Sekunde fügten sich weitere Details hinzu. Schulterlange, rote Haare verliefen über ihre Wangen in ein Gesicht, was bereits die ersten Kennzeichen des Alters vorzeigte. Grüne Augen strahlten ihr entgegen, als würde die Augenfarbe der Liegenden sich in denen der Frau widerspiegeln. 

„Lass mich schlafen.“, sagte sie und zog sich die Decke über den Kopf. In welch wundersamer Weise die Vorfreude der Müdigkeit entwichen war. 

„Komm, wir wollen in den Urlaub.“, erwiderte die Rothaarige, „Du kannst im Auto weiterschlafen.“ 

Die Liegende warf die Decke von sich, sodass sie sich halbierte. Mit ihren kleinen Fäusten rieb sie den Schlafsand von ihren Lidern und streckte sich mit einem lauten Gähnen. Unter dem umgeschlagenen Bettzeug offenbarte sich nun ein gelber Schlafanzug mit einem Panda darauf. Ihr braunes Haar war vom Schlaf zerzaust und ihr Gesicht zerknittert. Sie schwang die Decke weiter von sich und setzte sich an den Bettrand. Ihre Beine baumelten in der Luft, während ihre Gesamtstatur in diesem Moment einem nassen Sack glich.  

„Ich bereite in der Küche etwas zu essen vor. Gehst du bitte Zähne putzen?“, fragte die Rothaarige. 

„Ja, Mama.“, gähnte das Mädchen. Nach einem Hops erreichten ihre Füße den Boden und sie tippelte durch ihr Zimmer hindurch zum Bad. Sie putzte Zähne, zog sich an und betrat den Flur. Passend zum anstehenden Urlaub schlängelte sie sich an dem Berg aus Gepäck und in Stoff eingepackten Sportgeräten vorbei. Seit sie 3 Jahre alt war, zeigte sich jedes Jahr zur gleichen Zeit dieses Bild , nur erinnerte sie sich an die meisten dieser Anblicke nicht.  

Aus der Küche ertönten Sägen und Hacken. Wüsste man nicht, dass ihre Mutter Essen zubereitete, könnten diesen Geräusche beängstigend sein. Es handelte sich jedoch nur um Sandwiches und Obst für die lange Fahrt. Als sie die Küche betrat, erkannte sie, dass ihre Mutter nicht allein war. Ihr großer Bruder und ihr Vater saßen bereits am Tisch. Der eine hing müde über seinem Handy und der andere über einer Tasse Kaffee. Ihre Mutter wirkte als Einzige, bereit in den Urlaub zu fahren. Als Einzige, die etwas Motivation in die ruhigen Stunden brachte und schlichtweg der manifestierte Grundpfeiler des Hausstandes war. Da niemandem nach Essen zumute war, packte sie die Brote in Folie. Der Vater schaute von seinem Handy auf und sagte: „Los, lass uns das Zeug einpacken.“, wobei er seinen Sohn ansah. Während die beiden die Koffer, den Proviant und andere Utensilien durch das Treppenhaus des Wohnblockes schleppten, setzte sich die Kleine an den Tisch. 

„Bist du schon aufgeregt?“, fragte ihre Mutter. Sie strahlte: „Dieses Jahr werd ich die Schnellste sein!“ 

„Na das werden wir sehen.“ 

Sie lachten, räumten das benutzte Besteck auf und holten ihre Sachen. Ihr Vater betrat erneut die Wohnung, um sich zu vergewissern, dass sie alles verstaut hatten. Das Mädchen nahm ihren Rollkoffer, der wie eine Tigerente aussah und zog ihn durch die Wohnungstür zum Aufzug. Vor dem Metallkonstrukt erstarrte sie in der Antizipation des beengenden Raumes, der gleich auf sie wartete. Die Tür glitt zu den Seiten und enthüllte den Passagierraum. Die glitzernden Seiten reflektierten das Licht und in ihr zog sich beim Gedanken an die kalten, leblosen Wände alles zusammen. Mit einem Ruck nach unten begann die Höllenfahrt. Das Mädchen griff die Hand ihrer Mutter und quetschte sie zusammen. Sie schaute zu ihrer Tochter herunter und sagte: „Gleich geschafft!“. Ihre Worte wirkten in dem Mädchen hohl, weil sie noch nie Wirkung zeigten. Bisher hatte nichts die Prozedur erträglicher gemacht. Als das kalte Licht durch den Türspalt zu scheinen begann, atmete sie auf. Die beiden gingen Hand in Hand zum Auto mit dem Tigerentenkoffer im Gepäck. Das Mädchen öffnete die Hintertür, wo ihr Kindersitz stand, setzte sich hinein und schnallte sich an. Sie schaute zu ihrem Bruder hinüber, den der Gepäckberg fast vollständig versteckte. Ihr Vater stellte etwas am Navi ein, während sich ihre Mutter nochmal umdrehte und fragte: „Habt ihr alles?“. Erst in diesem Moment realisierte die Kleine, dass etwas an ihr fehlte. Der Gegenstand der ständigen Zuflucht, der treue Begleiter, der ihr immer zu Seite stand, war plötzlich verschwunden. „Schnuff!“, rief sie. Wer ein Kind hat, dem das Kuscheltier fehlt, braucht plötzlich keinen Kaffee mehr, um wach zu werden. Ihre Eltern schauten sich im stummen Verständnis an und die Mutter kehrte zur Wohnung zurück. Nach zwei Minuten kam sie mit einem Beagle wieder, dessen Augen Liebe auf der gesamten Welt verbreiten könnten. Sie krallte ihren Begleiter an sich ran. Nie mehr wollte sie auf ihn und das Gefühl der Geborgenheit, welches sein flauschiges Fell gab, verzichten. Mit einem lauten Brummen startete der Motor. Im nächsten Augenblick begann ihre Reise. Den frühen Morgenstunden geschuldet und mit Schnuff im Arm, sank ihr Kopf immer wieder herab. Sie befand sich wieder an dem Ort, aus dem sie vor einer Stunde verschwand.  

Die letzten Bilder ihrer Heimatstadt wurden gegen die vorbeiziehenden Leitplanken der Autobahn ersetzt. Große Autos, schwere Autos und vor allem schnelle Autos fuhren an ihr vorbei. Um die Straße herum befanden sich nur Bäume, die von ihren Augen gar für eine Sekunde erhascht werden konnten. Auf der Autobahn fühlte sich das Leben so viel schneller an, als wäre sie morgen schon 16, wenn sie noch eine Weile hierblieben. Sie ahnte, aber wusste nicht, dass es so nicht funktioniert und sich der Faktor Leben dabei gern einmischt. Plötzlich begann die Welt sich zu verlangsamen und die Baumreihe tauschte sich gegen das graue Toilettenhäuschen eines Rastplatzes aus. Das Mädchen erkundigte sich, wie lange sie noch fahren würden. Sie erwarteten noch fünf Stunden, in denen sie die Zeit totschlagen musste. Nach einer Diskussion, dass sie nicht auf Toilette müsse, ging sie doch mit ihrer Mutter dahin; all der Disput wegen einer allgemein bekannten Aussage.  

Während der weiteren Fahrt ließ sie ihren Kopf hauptsächlich nach unten hängen, um sich in ihr neues TKKG-Buch zu vertiefen. Sie hatte Schnuff so platziert, dass er mitlesen konnte und dachte sich immer, wenn sie Oskar sah, wie toll es wäre, einen echten Hund zu haben. Ihre Hoffnung wurde jedoch von der Tierhaarallergie ihres Vaters und der Angst ihres Bruders zunichte gemacht. Sie wünschte sich endlich erwachsen zu sein, damit sie sich endlich einen kaufen konnte. Als Erwachsener konnte man sich schließlich alle Wünsche erfüllen. Sie wollte am liebsten gar nicht mehr darauf warten. Ihr Papa sollte auf der Autobahn bleiben, damit sich der Wunsch schneller erfülle.  

In der Zwischenzeit hatte sich das Panorama verändert. Nun war alles eine Mischung aus Tälern und Bergen; aus dem einen Fenster hinauf, aus dem anderen herab. Die Gesteinskolosse sagten ihr, dass sie bald da sein würden. Zumindest glaubte sie das. Zudem begannen die Menschen im Radio komisch zu klingen. Sie erkannte, dass sie deutsch sprachen, aber das Verstehen bereitete ihr Schwierigkeiten.  

Nach drei weiteren Stunden veränderte die Landschaft endlich ihre Farbe von Grau zu Weiß und ihr Auto schlängelte auf Serpentinen eine Passstraße hinauf. Am beeindruckendsten fand sie den Stausee, der sich nach dem höchsten Punkt offenbarte. Nun wusste sie mit Sicherheit, dass sie in wenigen Minuten ankommen würden. Getreu ihrem Verdacht hielt das Familienauto 15 Minuten später vor einem riesigen Holzgebäude. Das Hotel befand sich inmitten eines Tales mit mehreren Seilbahnen um sich herum. Überall auf dem Parkplatz stiefelten Menschen in Skianzügen herum, einige geradlinig und andere wackelig. Ihr Vater schaltete den Motor ab und rief: „Wir sind da!“ Ein winziges Lächeln zauberte sich in die Mundwinkel der erschöpften Gesichter. Nach der Ankunft folgt immer das Auspacken, wodurch sich die Motivation in Grenzen hielt. Immerhin konnten sie sich danach entspannen, vielleicht im Pool des Hotels oder zu einem Getränk. Als das Mädchen ausstieg, bemerkte sie, wie ihre Füße auf der Eisfläche unter ihr schlitterten. Aus dem kurzen Schreck wurde die Vorfreude auf das geplante Geschlitter. Die Familie trug ihre Sachen in die Zimmer, von denen sich jeweils die Geschwister und die Eltern eins teilten. Sie verbrachten den restlichen Tag im Hotel und bereiten sich auf die bevorstehenden Skitage vor.  

Obwohl der nächste Tag etwas später begann, war es ihr immer noch zu zeitig. Sie verspürte dieses paradoxe Gefühl zwischen Motivation und Müdigkeit. Mit Freude blickte sie darauf, was der Tag bereithielt, jedoch wurden der Morgen und die Kleine nie Freunde. Die Familie ging halb acht zum Frühstück in den großen, rustikalen Speisesaal. Neben den zahlreichen, weißbedeckten Tafeln erstreckte sich gegenüber des Eingangs entlang einer Fensterfront, das Buffet. Brötchen, Eier, Müsli und viele weitere angemessene Optionen für einen anstrengenden Skitag präsentierten sich darauf. Das Mädchen aß ein helles Brötchen mit Schokoaufstrich, dessen süßer Geruch in ihre Nase hinaufstieg und eine Banane. Nach der Mahlzeit kehrten sie auf ihre Zimmer zurück und zogen ihre Skianzüge an. Die dicke Jacke glich einer festen Umarmung. Ein Gefühl der Wärme begann sich über ihren Körper zu legen. Als Nächstes legte sie ihre Skischuhe an. Das war der Teil, den sie am Skiurlaub am wenigstens mochte. Warum hatte noch niemand Bequemere erfunden? Ihr Bruder und sie verließen das Zimmer und nun hallte das Stampfen der gesamten Familie über den Gang. Plötzlich schoss der Kleinen ein Grauen in den Kopf, als sie realisierte, dass sie am Treppenhaus abbogen, um den Aufzug zu benutzen. Warum verlangten sie es von ihr? Sie wollte nicht ständig tapfer sein und die Fahrt im engen Metallkasten ertragen. Als sie unten ankamen, legte sich die Angst, aber sie wusste, dass sie später wieder damit fahren müssten. Doch auch dieser Gedanke verflog, nachdem sie das Hotel verließen und die Sonne mit ihrem herrlichen Schein das Tal durchflutete. Durch die Reflexion des Schnees wirkte es noch heller, als hätte der warme Stern heute mehr Kraft. Die Familie überquerte samt ihrer Ausrüstung die schmale Straße, die an der Unterkunft vorbeizog und ging zur Seilbahn hinauf. Jetzt trennten sie nur noch ein Drehkreuz, was sich auf Kopfhöhe des Mädchens befand, von dem Aufstieg zum Skigebiet. Doch sie waren nicht die Einzigen mit dieser Idee. Immer mehr Menschen strömten in die Gondel, die maximal 80 davon fassen konnte. Je mehr sich der Innenraum füllte, desto näher drückte sich das Mädchen an das Bein ihres Vaters. Aus Schutz legte er seine Hand über ihren Rücken. Sie dachte sich, dass das ein riesiger Aufzug sei, was die Lage verschlimmerte. Zudem verschwand und versank sie immer weiter in den Menschen um sie herum. Ihre Atmung verschnellerte sich und ihr Griff wurde zu einem Schraubstock, wobei die Gondel noch nicht fuhr. 

„Alles okay?“, fragte ihr Vater.  

„Es ist so eng.“, antwortete sie. Das Mädchen merkte plötzlich, wie sich der Platz über ihr öffnete, da sich ihr Vater hinter sie gedrängt hatte und nun mit beiden Armen umschloss. Endlich schienen wieder Luft und Tageslicht zu ihr hinab und die Spannung löste sich gerade genug, um die Situation durchzustehen. Die Gondel fuhr den Hang hinauf und schaukelte vor sich hin. Nach neun Minuten erreichten sie die obere Station, neben der sich auf 3000 m Höhe ein weiteres Hotel befand. Es donnerte auf den Metallgittern außerhalb des Fahrgehäuses, als die Menschenansammlung sich auf den Weg zur Piste machten. Der verwehte Schnee begann allmählich zu einer homogenen Masse zu verschmelzen, als die Familie die Gondelstation verließ. Der Moment, auf den alle hingeblickt hatten, war endlich erreicht. Es war an der Zeit, die Skischuhe festzuziehen und deren unangenehmen Sitz zu verspüren, den man als Preis für den Fahrspaß in Kauf nahm. Das Mädchen klickte den Verschluss ihres weißen Helmes zu, der mit ihrer violetten Sonnenbrille angrenzte. Die parallel vor ihr liegenden Skier konnektierte sie mit zwei kräftigen Tritten nach unten. Als die Familie abfahrbereit war, schlängelte sie sich zwischen den Menschenmengen auf die beginnende blaue Piste, welche sich nach kurzer Zeit in eine rote und eine schwarze spaltete. Zum Aufwärmen fiel die Entscheidung auf die Erste, doch das reichte bereits aus, um das vertraute Gefühl herzurufen, auf welches sie das ganze Jahr hingefiebert hatten. Ihr Vater und Bruder leisteten sich ein Wettrennen bis zum Lift, während das Mädchen sich an ihre Mutter hielt, die ihren Familienmitgliedern beim Herunterfahren hinterherblickte. Die beiden standen noch am Anfang des Hanges, der zwischen all den steinernen Spitzen wie eine eigene Welt wirkte. Einen Moment später nahmen sie die Fahrt auf. Im Schneepflug beginnend, den sie allmählich in einen holprigen Parallelschwung umwandelte, bewältigte das Mädchen die Piste. Je sicherer sie wurde, desto schneller begann der Wind an ihr vorbeizuziehen und die Aufregung und Begeisterung der Geschwindigkeit breiteten sich in ihr aus, bis sie letztendlich das Gefühl bekam, die Kontrolle zu verlieren. Sie fing sich und versuchte wieder vermehrt auf ihre Bewegungen zu achten. Währenddessen erblickte sie, wie ihr Bruder einen Moment früher als ihr Vater vor dem Lift anhielt. Sie lachte in sich hinein, weil es ihren Papa mit Sicherheit ärgern würde. Zwanzig Sekunden später stieß sie zu den beiden und ihre Mutter schloss hinter ihnen die Fahrt ab. Ihr großer Bruder feierte seinen Sieg, doch ihr Vater versicherte ihm, dass es das letzte Mal gewesen sein wird. Beide erfreuten sich an der Herausforderung. Die Familie reihte sich in die Schlange für den Lift und stiegen ein. Bei der Auffahrt sangen sie zusammen, um die leere Zeit zu überbrücken. Als sie oben ankamen, wiederholten sie diese Prozedur noch einige Male, bis sie über einen Ziehweg in einen anderen Bereich des Gebietes kamen. Da ihnen der Schwung fehlte, blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich mit ihren Stöckern im harten Boden abzustoßen. Nach einer weiteren Stunde Fahrt kehrten sie in eine Alm ein.  

Aus dem quadratischen Holzhaus mit Ziegeldach strömten Menschen hinein und hinaus. Das kollektive Knurren ihrer Mägen verdeutliche die bisher vollbrachte Anstrengung. Nach einer kleinen Weile zierten sich auf dem Holztisch mit roten Tischdecken ein Bier und drei heiße Schokoladen. Wenig später reihte sich das Mittagessen dazu, welches aus Schnitzel mit Pommes, zwei Spaghettivariationen und Kaiserschmarrn bestand. Das Mädchen nippte an ihrem Heißgetränk und badete ihre Kartoffelstreifen in Ketchup, was in ihr ein Gefühl der Glückseligkeit hervorrief, zudem einzig Essen in der Lage war.  

Vollständig gesättigt machten sie sich wieder auf den Weg und erkundeten weiter das bereits bekannte Skigebiet, was nichts zu bedeuten hatte, da man selbst im Bekannten immer wieder neue Aspekte entdecken konnte. So fand zum Beispiel ihr Bruder eine Verfärbung des Gesteins, welche in abstrakter Weise einem Geist ähnelte. Die Familie hielt am Rand gegenüber an, um herauszufinden, was er meinte. Einigen gelang es nach kurzer Zeit, während es vor dem Vater für immer ein Geheimnis zu bleiben schien.  

Mit der Zeit nahm die Menschendichte zunehmend ab und die Sonne begann ihre Kraft zu verlieren. Neben der bemerkbaren Erschöpfung durch die ungewohnte Belastung nahmen sie es als Anreiz, sich zur Talabfahrt zu begeben. Diese entzweite sich bei einer anderen Alm, um nur um später wieder zu sich zu finden. Die letzte Fahrt stellte für alle eine Herausforderung dar. Neben den mangelnden Kräften erschwerten die zerfahrene Piste und die aufgeschobenen Schneehügel ein schnelles Herunterkommen. Eine hohe Geschwindigkeit glich zu dieser Tageszeit einer Garantie zum Sturz mit darin inkludierten Blessuren für die Folgetage. Nach dem unspektakulären Ende ihres ersten Skitages deponierten sie ihre Ausrüstung im Skikeller, begaben sich auf ihre Zimmer, legten ihre warme Kleidung ab und widmeten sich den Regenerationskräften einer heißen Dusche. Bis zum Abendessen versank das Mädchen erneut in ihrem TKKG-Buch. 18:30 begaben sie sich in den Speisesaal, aßen zu Abend und ließen den Tag ausklingen. Ihre Mutter brachte sie nach dem Zähneputzen ins Bett, deckte sie zu und blieb noch an ihrem Bettrand sitzen.  

„Heute war toll, oder?“, fragte sie. Die Kleine bejahte die Aussage und fügte hinzu: „Glaubst du es bleibt die ganze Woche so schön?“ 

„Ich denke schon. Auf manches können wir keinen Einfluss nehmen, aber gemeinsam machen wir’s uns schön!“ Sie bekräftige ihre Aussage mit einem Kuss auf die Stirn. Nach dem Gute-Nacht-Wunsch schaltete sie das Licht aus und begab sich auf ihr Zimmer. Das Mädchen eiferte auf den nächsten Tag hin. Im Moment stand nur noch dieser zwischen ihr und dem Fahrspaß auf den Skiern. 

Im Gegensatz zum Vortag zeigte sich die Sonne schüchtern und das gesamte Tal wurde von einem Grauschleier überzogen. Beim Verlassen des Hotels begrüßten sie Böen, die sie beinahe in die Unterkunft zurückzwangen und ihre Skisachen wirkungslos zu machen schien. Vor der Gondelstation mussten sie, trotz der bereits überschrittenen Öffnungszeit, halt machen. Ihr Vater erkundigte sich am Schalter und kehrte mit der Information zurück, dass aufgrund der Wetterverhältnisse die Freigabe der Pisten abzuwarten sei. Die Mundwinkel des Mädchens zogen sich nach unten. Sie erinnerte sich an die Worte ihrer Mutter, aber fand keine Möglichkeit darin, wie sie es sich hier schön machen sollten. Letztendlich waren sie zum Skifahren hier und sie wollte unter keinen Umständen darauf verzichten. Glücklicherweise gab es einen kleineren Berg, der nur 200 m von der Station entfernt war. Sie entschieden sich dort zu fahren, bis es nähere Informationen über das Hauptgebiet gab. Als das Mädchen die kleineren Gondeln erblickte, deren Füllvermögen lediglich ihre Familie umfassen konnte, schwand ihre Furcht vor der erneuten Tortur einer gequetschten Auffahrt. Sie befuhren die überwiegend geradlinig verlaufenden Pisten gemeinsam, bis ihr Vater die Drei allein ließ, um etwas abseits zu fahren. Er klärte mit ihrer Mutter ab, schon mal vorzufahren, um die Kinder nicht auf dummen Ideen zu bringen. Nach drei weiteren Runden fanden sie sich unten wieder und beschlossen, zur anderen Station zurückzukehren, wobei sie bei der Ankunft die herauffahrende Gondel sahen. Als sie sich hineinbegaben, flammte die Furcht des Mädchens erneut auf, doch durch die Vormittagszeit sammelten sich nur eine Handvoll Menschen in der Großraumgondel.  

Auch beim Ausstieg neben dem Hotel zeichnete sich an diesem Tag ein gänzlich anderes Bild. Selbst in dieser Höhe zeigte die Sonne ihr Antlitz nicht, sondern der Wind dominierte das Terrain, indem er es durch die Umverteilung der weißen Körner stetig veränderte. Eine Temperaturanzeige an der Außenwand der Bergunterkunft zeigte in Rot eine erschreckende Zahl: Minus 12 °C. Zudem reduzierten die Witterungsbedingungen diese um gefühlte weitere 8 °C. Das Mädchen schlotterte, woraufhin ihre Mutter noch eine Jacke und ein Kopftuch aus ihrem Rucksack nahm und ihrer Tochter gab. Das Gefühl der Enge in ihrem Kopf zeigte, dass die Maßnahmen ihrer mütterlichen Fürsorge wenig Wirkung erzielt hatten. Nichtsdestotrotz fuhr die Familie los und erreichte einen Lift in der Nähe der Alm, auf der sie gestern gegessen hatten. Die folgenden fünfzehn Minuten unter Aussetzung des fegenden Windes machten diesen Transfer nach oben unerträglich. Der Körper des Mädchens bebte neben dem ihres Vaters, welcher daraufhin seinen Arm auf sie legte.  

„Gleich geschafft!“, sagte er zu ihr und deutete auf den Wendepunkt der Lifte. „Wir fahren dann direkt auf eine Alm.“  

Trotz der Liebe dieser Worte änderte es nichts an ihrem körperlichen Zustand. Der Versuch es schön zu machen, schien in ihren Augen immer wieder zu scheitern. Selbst nach der Fahrt änderte sich nichts, wodurch der Vater seinen Entschluss gültig machte und sie zu der quadratischen Holzhütte fuhren. Beim Eintreten spürte die Familie den Temperaturunterschied, als sie eine warme Wolke einhüllte. Im Gegensatz zum gestrigen Tag quoll die Gaststätte beinahe über. Nach einer kurzen Suche und der Erlaubnis der restlichen Gäste am Tisch fanden sie vier Sitzplätze. Das Mädchen setzte sich und behielt dabei ihre Jacke an. Ihre Mutter bat sie, diese auszuziehen, da ihr draußen sonst noch kälter werden würde. Etwas widerwillig gehorchte sie und schnaubte. Die beiden Elternteile berieten sich über den weiteren Tagesablauf, wobei sie sich schnell darauf geeinigt hatten, es für eine weitere Stunde zu versuchen. Die Hoffnung lag darin, die Mittagszeit würde einen Funken Wärme hervorbringen und die Fahrbedingungen wenigstens erträglich machen. Währenddessen stellte ein Kellner ihr Essen auf den Tisch, wovon das Mädchen die vermutlich passendste Mahlzeit hatte. Auf ihrem Berg an Spaghetti lag der Parmesan auf den Hackstücken, als wäre dieser wie Neuschnee gefallen. Die Nudeln besserten ihre Laune, doch sie wusste, dass sie bald wieder in die Kälte hinausmüsse. Konnten sie nicht einfach bis morgen warten? Oder bis es Frühling wurde? Oder ihr Papa hole sie mit dem Auto ab, so wie er es immer tat, wenn jemand nicht mehr konnte. Mittlerweile war sie alt genug, um diese infantilen Fantasien ihres Zaubers zu berauben. Sie munterte sich damit auf, an ihre Eltern zu glauben, die eine gute Lösung finden würden. Vielleicht könnten sie mit der Gondel hinunterfahren. Sicherlich hatten viele der Skiurlauber diese Idee. Dann müsse sie sich erneut zerquetschen lassen. Es war sinnlos, in diesem Gedankenkreis zu bleiben. Sie lenkte ihre Konzentration auf ihr Essen zurück und der gute Geschmack brachten sie zurück ins Jetzt.  

Die Familie erhob sich vom Tisch, der Vater bezahlte und ihre Mutter schickte die Kinder auf Toilette. Sie nahmen diese kurze Verzögerung bis zum Betreten der Außenwelt gern in Kauf. Im Vorraum des Ausgangs packten sie sich in ihre warme Kleidung ein und hofften, dass es wärmer geworden war. Die gleiche Situation wie beim Verlassen des Hotels wollten sie keinesfalls erneut verspüren. Sie traten hinaus und ihre Furcht bestätigte sich nicht. Die Temperatur schien nur ein bis zwei Grad gestiegen zu sein, aber immerhin war es eine wahrnehmbare Verbesserung. Der Wind regierte jedoch weiterhin den Tag, während er schneller als jeder Fahrer über die Piste fegte oder gegen die Gesteinswände rauschte. Das Mädchen fragte ihre Mutter, ob sie zum Aussichtspunkt neben der Terrasse der Alm gehen konnten. Sie nahm ihre Tochter bei der Hand und ging mit ihr an den Holzzaun, über dem sich die schöne Aussicht offenbarte. Selbst im Halbschatten, der das Tal diagonal zu halbieren schien und dem Grauschleier, den der Tag nicht abgeben wollte, lohnte sich die Aussicht in jedem Augenblick. Am Berg bildete sich der Kontrast zwischen dem braunen, verschmutzten Schnee des Tales und den massiven, reinen Schneemassen der Spitzen.  

Die beiden Frauen kehrten zum Rest ihrer Familie zurück. Sie ließ die Hand ihrer Tochter los und befestige ihre Skier. In der üblichen Konstellation fuhren sie weiter: Vater und Sohn voran, dahinter ihre Tochter und als stille Wachende die Mutter. Die beiden Männer liefen schnell über den Ziehweg und kamen als erste an der Gesteinswand mit dem Geist vorbei. Der Vater preschte während dieser Abfahrt mit rasender Geschwindigkeit voran. Eine halbe Minute später bog sein Sohn um die Kurve, die aus einem schmalen Weg eine weitläufige Piste machte. Sein Vater hielt an der linken Seite nahe der unteren Gesteinswand und signalisierte dem Jungen, dass er zu ihm kommen sollte, um auf die anderen zu warten. Nach zwei Minuten blitzte die grüne Jacke des Mädchens in der Kurve auf. Sie fuhr bis an die rechte Seite der Piste, bevor sie umschwenkte und die beiden erkannte. Mit der Anspannung ihres linken Beines lenkte sie zu ihnen ein. Als sie die Mitte der Strecke erreichte, verlor sie die Kontrolle über ihren Körper; nicht durch fehlerhafte Technik oder mangelnde Kraft, sondern weil die Schneemasse links von ihr kommend der Meister ihrer Bewegungen wurde. Wo bis vor einem Moment noch ihre Beine standen, befand sich nun ausschließlich Schnee. Ihre Skier lösten sich von ihren Stiefeln und wirbelten neben ihr her, während die Natur sie lenkte, wie es ihr beliebte. Immer schneller werdend rutschte sie in der starren Ummantelung des Schnees weiter hinab. Es passierte in einem Tempo, was ihr verbat, Gedanken zu fassen. Als die Lawine zum Stillstand kam, steckte sie in ihrer eigenen engen Höhle. Ihre Beine waren unbeweglich, von hinten wurde ihr unterer Rücken nach vorn gedrückt und die Schneemassen pressten auf ihren Brustkorb. Das Mädchen versuchte gegen den Widerstand zu atmen, doch sie schaffte es nicht. Wie sollte sie auch gegen die Kraft der Natur ankommen, die letztendlich immer die Überlegenheit besaß? Ihre Atmung wurde schneller und sie verzerrte ihr Gesicht vor Schmerzen, welche durch die überdehnende Lage hervorgerufen wurden. Als sie mit hecheln begann, weinte sie. Mit der letzten verbleibenden Luft rief sie nach ihrer Mutter: „Mama! Mama!“, doch es kam nur als Flüstern aus ihr heraus. Für die restliche Isolation sorgten die Schneewände, die alles vor ihr fernhielten. Allmählich begann ihre Körperwärme vermehrt ein Teil der Umgebung zu werden, sodass es ihr weiter die Energie entzog, bis nichts mehr davon übrig war. Das Leben bescherte ihr einen Abgang, der sich aus ihren beiden großen Ängsten des Tages fusioniert hatte.  

Währenddessen zog die Mutter an dem Felsvorsprung vorbei und erschrak, als sie die Piste nicht mehr wiedererkannte. Geschätzte 200 m erstreckte sich die dichte Schneehäufung nach unten. Wo war ihre Familie? Hoffentlich waren sie weitergefahren! Sie mussten! Die Mutter nahm Anlauf und hastete zum Ort, wo die Kurve hätte sein sollen, und bog nach unten ab. Dabei versank sie bis zu den Knien im Schnee. Sie stemmte ihre Beine hinaus, fuhr ein Stück und fiel hin. Die Prozedur wiederholte sich, bis sie die Piste erblicken konnte und an dessen linker Seite, nahe der Felswand ihren Mann und ihren Sohn entdeckte. Glücklicherweise steckte der Vater nur bis zu dem mittleren Teil der Oberschenkel im Schnee und der Junge bis zum Becken.  

„Oh Gott, geht’s euch gut?“, sagte sie mit erschöpfter, bebender Stimme. Im geröteten, verzerrten Gesicht ihres Sohnes liefen Tränen hinab. Im Moment als ihr Mann etwas sagen wollte, realisierte sie, dass sie unvollständig waren. Seine Worte entgingen ihrer Wahrnehmung, da sich diese plötzlich auf einen Aspekt verengt hatte. 

„Olivia?“, schrie sie, „Wo bist du?“  

Ihre Augen suchten die Umgebung ab. Wo war die grüne Jacke oder der Helm? Die einzige Farbe, die sich ihr präsentierte, war das kalte Weiß der Schneemasse. Sie löste ihre Skier und hastete von den anderen beiden weg, wodurch sie erneut hinfiel. Mit aufgestützten Armen rief sie erneut den Namen ihrer Tochter. Die Mutter richtete sich auf und stolperte weiter voran. Wo konnte sie nur sein? Das durfte nicht wahr sein! Warum tat man ihr eine solche Grausamkeit an? Auf den Vorsprung oberhalb der Piste, auf dem der Weg entlang ging, hielten die ersten Skifahrerenden, welche sich über den Verbleib der Piste wunderten. Noch hatte niemanden von ihnen mit einem Unheil dieses Ausmaßes gerechnet. Die Hilfeschreie der Mutter richteten sich zu ihnen nach oben. Für einen Moment schienen die Wartenden sich nicht zu rühren. Warum unternahmen sie nichts? Kurz darauf sah sie die Ersten losfahren. Eine Gruppe aus zwei Ski- und zwei Snowboardfahrern erreichte als Erstes den Unfallort. „Was ist passiert?“, fragte einer von ihnen.  

„Meine Tochter! Meine Tochter ist weg!“, schluchzte die Mutter. Mit einem Schrei des Namens unterbrach sie ihre Worte. „Ich finde meine Tochter nicht mehr.“ Zwei der Gruppe fuhren weiter, um nachzusehen, ob das Mädchen nicht weitergefahren war. Der eine Skifahrer hinterließ den Obenbleibenden seine Stöcker, womit die beiden begannen in den Schnee zu stechen. Die ca. 120 cm langen Fahrhilfen verschwanden komplett im Boden, ohne auf Grund zu stoßen. Das Gebiet erwies sich schnell als zu groß, um es zu dritt abzusuchen. Verzweifelt irrte die Mutter weiter durch die Schneemassen. Wo versteckte dieses Monster der Natur ihre Tochter? Warum nur sie? Sie wünschte sich, dass sie selbst an ihrer Stelle wäre, Hauptsache ihrer Kleinen ginge es gut.  

Der Teil der Gruppe, welcher weitergefahren war, entdeckte am Ende der Lawine jemanden im Schnee stecken. Der Oberkörper einer jungen Frau ragte aus dem Schnee. Sie eilten zu ihr und zogen sie heraus. Daraufhin erfuhren sie, dass sie ihren Mann und Sohn vermisse. Die beiden begleiteten die Dame zur nächstgelegenen Alm. 

Weiter oben stießen nun weitere Menschen dazu, von denen einige Rucksäcke mit kurzen Spaten dabeihatten. Sie verteilten diese unter den Beteiligten und begannen an verschiedenen Stellen zu graben, während andere weiterhin den Schnee durchstießen. Noch bestand die Hoffnung einer Mutter ihre Tochter zurückzubringen. Einer der Ersthelfer fragte die Mutter, die jetzt nach dem Rest ihrer Familie schaute, ob sie wisse, wo ihre Tochter gestanden habe. „Sie war auf der Mitte der Piste.“, sagte der Vater mit schmerzerfüllter Stimme.  

„Das ist alles meine Schuld!“, weinte die Mutter. Der Ersthelfer versuchte die Situation zu entschärfen, doch die Schuldgefühle in ihr gaben den Ton an.  

„Wäre ich doch nicht gestürzt.“, schluchzte sie. „Sie haben nur auf mich gewartet, weil ich durch den Sturz so lange gebraucht habe. Das ist alles meine Schuld!“ Die Hoffnungslosigkeit zwang sie auf die Knie. Nach unten gebeugt begann sie noch stärker zu weinen. Ob es dieser Moment war, der all ihre Hoffnung auf ein Wiedersehen zerstört hatte oder es vorher geschah, war unklar, aber in diesem Augenblick schien die Ohnmacht, die sie durchgängig verspürt hatte, am größten gewesen zu sein. Wenigstens trugen die Menschen um sie herum den Willen weiterzumachen. Über ihnen schlug ohrenbetäubend der Rotor eines Hubschraubers, der in Schräglage auf der Piste landete, was bei der gegebenen Windstärke an ein Wunder grenzte. Einen Augenblick später erschien die Bergwacht auf Schneemobilen, die das Terrain mit Lawinenpiepern absuchten, was vergebens war, da das Mädchen keinen Sensor dafür trug. Sie verteilten 4 m lange, ausklappbare Stangen, die sie Sonden nannten und formierten die Helfenden in mehreren Reihen, womit sie die Strecke stückchenweise durchgingen. Da das obere Stück zu weitläufig dafür war, schickten sie einen Teil an das Ende der Lawine. Die Personen versanken und stürzten auf dem Weg nach unten, während weiterhin der eisige Wind um sie blies, der die ganze Situation noch unerträglicher machte, als es für die Beteiligten schon sein konnte. Die Formation schreite bergauf und stach auf Kommando hinunter. Die Kette rückte weiter und wiederholte die Prozedur. An einigen Stellen trafen die Sonden auf keinen Grund, nicht mal, wenn man den Arm mit hineinsteckte. Plötzlich gab einer der Bergwacht das Kommando zu graben und im Schnee offenbarte sich ein grüner Synthetikstoff. In allen verbreitete sich das Gefühl der Hoffnung. Sie beteten etwas gefunden zu haben. Je mehr Schnee abgetragen wurde, desto klarer wurde, was sich in dem Loch befand. Es war ein großer Rucksack. Als sie die Stelle komplett ausgehoben hatten, zeigte sich, dass es nur bei diesem blieb. Ein kollektives Gefühl des Unwohlseins breitete sich aus, doch sie mussten weitermachen.  

Im gleichen Moment kümmerten sich einige der Helfenden um die Familie, die apathisch auf das Getümmel blickte. Auf den frischplanierten Landeplätzen landeten fünfminütig Helikopter mit Feuerwehrleuten und wirbelten dabei kleine Eisbrocken und Steine auf, die auf die Anwesenden zuschossen. Bernhardiner streiften umher, die nach dem Geruch suchten, der an den persönlichen Gegenständen der Vermissten haftete. Immer mehr Ketten bildeten sich und durchforsteten die vergrabene Piste. In einem Schneeloch sah man Sanitätspersonal auf etwas herumdrücken. Nach wenigen Minuten beendeten sie die Maßnahme, indem sie ein Tuch ablegten. Weiterhin gab es keinen Anhaltspunkt nach dem Verbleib des Mädchens und in den Geistern der Beteiligten breitete sich der Gedanke aus, dass es sich nur noch um die Suche für ein Begräbnis handelte. 

Als die Sonne allmählich hinter den Gipfeln verschwinden wollte, holte man die beiden verletzten Familienmitglieder ab. Die Mutter sollte mit ihnen gehen, doch sie weigerte sich. Sie wollte mit eigenen Augen ansehen, wenn man ihre Tochter gefunden hatte. Was sollte sie auch tun? Was sollten alle Beteiligten tun? In jeglicher Hinsicht gab es in diesem Moment nichts mehr, was man ihm abgewinnen konnte. Sie blieb und wartete. Während die Dunkelheit sich über das Lawinengebiet auszubreiten begann, stieß man auf ihren Körper. Man erhob sie aus ihrem verschneiten Grab, um sie später in eins aus Erde zu setzen.  

Jean-Pierre Bachtierre lädt zum Tanze!

Von einer Plane bedeckt lief er inmitten vier Personen, die die Abdeckung wie ein Zelt über ihm spannten, durch den Niederschlag, der wie flüssige Meteoriten aus dem Himmel hinabschmetterte. Ihre Schritte plätscherten im aufgeweichten Schlamm. Mit zugekniffenen Augen gingen sie voran mit dem hölzernen Transportgestell im Blick. Sie parkte auf der unbefestigten Straße vor der Residenz mit zwei braunen Pferden vor dem Gestell und einem in Schwarz eingehüllten Kutscher mit der Peitsche in der Hand auf dem Fahrersitz. Trotz des Wetters blieben die Tiere ohne menschliche Intervention ruhig. Die Untergebenen veränderten ihre Position zu einer Schleuse in Richtung Kutschentür. Ihr Herr stellte sich auf die herunterstehenden Stufen und klopfte an die Holztür. Ein Mann mit einer gelockten, weißen Perücke in einem blau glänzenden Anzug, vor dem eine gelbes Tuch wie ein Vorhängeschloss hing, öffnete ihm die Tür und setzte sich zurück.

„Hoffentlich diene ich in meinem nächsten Leben nicht Ihnen, werter Graf.“, sagte der Mann. Er klopfte gegen die Holzwand und der Kutscher trieb die Pferde an. 

„Ich bezweifle, dass ich Sie überlebe Lord Weaston. Ich zweifle gar daran, dass wir den heutigen Abend überleben!“, antwortete Graf Ferdinand, der die Balance in der wackelnden Kutsche suchte. Er ließ er sich auf den Sitz gegenüber seiner Begleitung fallen. Auf den Polstern landete er wie auf einer roten Wolke. Er strich sich seinen purpurnen Anzug glatt und überprüfte ihn dabei auf Sauberkeit. Seine Kniestrümpfe zierten Schlammflecken wie ein Inselarchipel. Er schnalzte mit dem Mund, schüttelte den Kopf und sagte: „Das nächste Mal vermag man mich zu tragen. Sie werden mich für einen Bauern halten, der vorher noch das Feld bestellte. Sie besitzen kein zweites Paar?“

Weaston lachte. „Der werte Graf fürchtet, zu den Bauern gestellt zu werden. Eines Tages wird es eine Tugend, sich ihnen gleichzustellen.“ 

„Noch herrschen die Normen unserer Zeit, die darin wahrhaftig keine Tugend erkennen. Aber wir kreisen oft genug um’s Gesocks, nur ist das Umfeld hygienischer.“ 

„Darauf stoße ich mit Ihnen an, nur beherbergt dieses Vehikel keine Spirituosen. Sie locken den Kutscher, als sängen sie ein Sirenenlied.“ 

„Was wäre das für eine Gesellschaft, die zu solchen Anlässen bereits intoxikiert erscheint? Wollen Sie den Narren ihre Arbeit streitig machen?“ 

„Im Rausch vergäßen Sie den Kummer Ihrer Strümpfe.“

Der Graf schnaubte durch die Nase. Mit Lord Weaston zu diskutieren, bereitete ihm Frust und Freude. Währenddessen wippte die Kutsche, als wäre sie auf hoher See. Ferdinand stützte sich mit seiner rechten Hand auf der Sitzbank ab, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Lord Weaston saß mit zusammengefalteten Händen im Schoß auf seinem Platz und schaute auf die schwachbeleuchtete Pflasterstraße. Die Nacht hüllte alles in sich ein. Nur die Straßenlaternen boten ihr im Kampf um das Licht noch die Stirn, doch ihre Chancen standen schlecht. In einem Linksschwenker des Fahrzeugs erhob der Graf seine stützende Hand und ließ sie in die Innenseite seines Anzugs gleiten. Kurz darauf zog er seine Pfeife heraus und füllte sie mit Tabak auf. Beim Anzünden unterbrach ihn Weaston: „Warten Sie bitte mit dem Rauchen. Die Polster des Vorgängers stanken schrecklich danach.“ Der Graf nickte und ließ sie wieder in seinem Anzug verschwinden. 

„Kamen Sie bereits in den Genuss von Monsieur Bachtierres Festlichkeiten?“, fragte Ferdinand nach einigen Sekunden der Stille. 

„Durchaus. Unsere Standesmänner neigen zur Übertreibung, doch er wird jedem Versprechen gerecht. Wahrlich ein Virtuose.“, antwortete Weaston.

„Worin besteht sein Zauber?“

„Haben Sie schon mal versucht, Magie in Worte zu fassen? Sehen Sie es mit eigenen Augen. Hören Sie es mit eigenen Ohren!“ 

Graf Ferdinand wusste bereits um die Mythen, die Monsieur Bachtierre umgaben. Er solle aus der pompösen Kammermusik und ihrer Sittlichkeit ein wildes Feuerwerk der Rhythmik und Bewegung machen. Er spaltete den Adel in die Verfechter ihrer geordneten Hoforchester und die Anhänger dieser neumodischen Variante der artistischen Darbietung. 

Die Kutsche stolperte über die Pflastersteine, bis sie plötzlich anhielt. Graf Ferdinand schaute aus dem Fenster und sah die steinerne Konzerthalle, die im Schwarz des Himmels verschwand. Bisher sah er nur den quadratischen Vorbau, an dessen Ende sich die Wände halbmondförmig abspreizten. Ein Page öffnete ihnen die Tür und die beiden Adligen eilten zur großen Eingangstür, die seitlich von zwei Fackeln begrenzt wurde. Zwischen den Köpfen mehrerer Satyrn zierte sich das Baujahr des Gebäudes. In leicht durchnässten Kleidern fanden die beiden Schutz unter dem Balkon des Vorbaus, der einige Meter über ihnen ragte. Vor der Eingangstür spielte das erste Spektakel des Abends. Der Eisenhandschuh eines uniformierten Mannes machte Bekanntschaft mit dem Unterkiefer einer Person in einem schäbigen Anzug. In einem Schmerzensschrei ging er zu Boden. Zwei Wachen packten ihn und warfen ihn auf die Straße.

„Dafür werden eure Köpfe rollen!“, schrie der Liegende. Die beiden Herren beobachteten das Spektakel im Vorbeilaufen.

„Wenn das wahr wäre, würde mein Kopf bereits die Häuser vieler schmücken“, sagte der Portier und wand seinen Blick zu den neuankommenden Gästen, „Ich bitte die Herren um Namen und Titel.“ 

Graf Ferdinand zog sich den Anzug zurecht, trat hervor und antwortete. Der Portier ließ seine Augen über seine Schriftrolle gleiten und nickte anschließend. Lord Weaston zog seiner Begleitung nach. Der kleine Angestellte wiederholte die Prozedur. Die beiden traten in den Vorbau ein, der hell im Schein eines Kronleuchters funkelte. Zu ihren Füßen zog sich wie ein Fluss aus Blut ein roter Teppich entlang, der vom Balkon vor ihnen halbrund die Treppen hinunterfloss, sich unten mittig vereinte und in die offene Welt mündete. Ohne sich die Schuhe einzufärben, schritten Sie inmitten der Halle entlang. Überall in ihr standen kleine Gruppen feingekleideter Persönlichkeiten. Sie führten Unterredungen, tranken aus Krügen oder Gläsern und knüpften, wie für ihren Stand üblich, neue Bekanntschaften und Verbündete. In sich überlagernden Stimmen begaben sie sich zur Garderobe.

„Wahrlich beeindruckendes Interior, nicht wahr?“, fragte der Graf.

„Überragend. Ein Zeugnis der künstlerischen Wiedergeburt…“, antwortete Weaston.

„Weaston, welch Freude Sie hier zu sehen. Für einen Ravé ist Ihnen wahrlich kein Weg zu weit?“, fragte ein Mann, der auf die beiden zukam. 

„Fürst Lerchsfeld, die Freude ist ganz meinerseits. Diese exquisiten Veranstaltungen kennen keine Grenzen, jedoch geht es heute Abend nicht um mich. Darf ich vorstellen, Graf Ferdinand.“ Weaston deutete auf seinen Freund, der mit Lerchsfeld die Hände schüttelte.

„Sie zeigen sich immer von Ihrer besten Seite. Sind Ihnen daher die Damen so erlegen?“ 

„Was wollen Sie?“

„Nur eine Unterredung unter alten Freunden des Ravés. Treffen wir uns nachher zum Fizz?“ 

Graf Ferdinand mischte sich ein: „Fizz? Sie haben welches?“ 

„Selbverständlich!“, antwortete Fürst Lerchsfeld mit einem ernsten Blick zum Grafen, „Die Nächte sind lang. Das ist unser Antrieb.“ 

Dem Grafen kribbelten die Fingerspitzen in Anbetracht der neuen Erfahrungen, die ihm der Abend darbot.

„Wie viel ists Fizz?“, fragte Ferdinand mit dem Blick auf Fürst Lerchsfeld fixiert. 

Der Fürst senkte die Stimme: „Die Eingangshalle ist keinesfalls ein Ort dafür. Suchen Sie mich später. Ihr Freund ist mit dem Prozedere vertraut.“ 

„Entschuldigen Sie mich, seit dem letzten Mal trennten sich unsere Wege. Die Nacht ist ein Feuerwerk, aber die Tage danach nur ein Häufchen Asche.“, sagte der Lord. Graf Ferdinand, der sich der Angelegenheit noch unschlüssig war, saßen die beiden Herren wie Engel und dessen gefallene Version auf der Schulter. Er hörte bereits Gerüchte über das Mittel, welches in diesem Kreisen eine geheime Duldung genoss. Was würde es mit ihm machen? Berauschte es wie Wein und Bier? Ferdinand spielte mit dem Gedanken und balancierte als Seiltänzer auf ihm.

„Verderben Sie ihrem werten Freund nicht den Spaß.“, sagte Lerchsfeld, „Suchen sie mich nachher während des Ravés. Den Rest klären wir später, werter Graf. Komisch, dass gerade Lord Weaston dagegen spricht. Sind ihre Landsleute nicht dafür bekannt, bei solchen Festlichkeiten ihre Vernunft zu vergessen?“ 

Lord Weaston räusperte sich und sagte: „Wahrlich ein Mann der Welt! Es war uns ein Vergnügen. Wir werden nun unsere Jacken ablegen!“

Lerchsfeld setzte sich ein Lächeln auf, dass vor Arroganz strotzte und nickte. Weaston zog Ferdinand am Arm an ihm vorbei und die beiden liefen weiter in Richtung der Garderobe. 

„Verdammter Abschaum!“, sagte Weaston, als er seinen Übermantel auszog und der Bediensteten an der Garderobe übergab, „Treffen Sie sich nachher mit ihm, aber seien Sie sich bewusst, in welcher Gesellschaft sie dann kreisen.“

Ferdinand schaute ihn an und gab seinem Blick Worte, als er seine Außenkleidung abgab: „Meinen Sie wegen des Stoffes?“ Weaston schüttelte mit dem Kopf: „Der Stoff bestimmt keineswegs den Wert des Konsumierenden.“

„Sind es nicht unsere Taten, die uns repräsentieren? Wäre demnach dieser Konsum nicht ein Verbrechen gegen sich selbst?“ 

„Durchaus ein Schaden am Körper und seiner selbst aber ist es mit dem Schaden an anderen gleichzusetzen?“ 

„Ich verstehe nicht, was sie mir zu sagen vermögen.“, sagte Ferdinand, als die beiden sich auf dem Weg zur Mitte des Saals begaben.

„Wer ist schlimmer: Der Käufer, der nicht anders kann oder der Verkäufer, der verdient daran?“, antwortete der Lord.

„Ist es nicht der beiden Schuld? Dass der Käufer sich dem Geschäft überhaupt stellt?“

„Sie sind ein Esel, werter Freund“, Weaston atmete schwer aus, „Wenn nicht jetzt, dann spätestens nach mehreren Malen Fizz und Lerchsfeld hält es Ihnen wie eine Karotte vor die Nase. Jedes Mal in der Hoffnung, sie wäre so frisch wie die allererste und nachdem er sie lang genug striezte und sie hineinbeißen lässt, schmeckt sie bitter und fahl.“

„Was ist schon einmal? Sind sie nicht offen für neues?“ 

„Wenn’s nur bei dem einem Male bliebe, doch es scheint unmöglich, wenn es ständig jemand zeigt. Aber bitte versuchen Sie‘s. Wenn einmal genug ist, kommen Sie zu mir.“

Die beiden Herren erklommen die blutrote Treppe zum Balkon hinauf. An den Wänden hingen goldene Schleier hinunter, zwischen denen Fackeln flackerten. Weaston stützte sich am goldenen Geländer ab, bis sie den Balkon erreichten, der zu einem Drittel in die Eingangs- und mit dem Rest in Haupthalle reichte. Von hier oben aus sah das Foyer wie der Rücken eines Marienkäfers aus, doch der interessantere Ausblick lag vor ihnen im Konzertsaal: Der mit Menschen bestellte Parkettboden reichte bis zu einer konvex-verlaufenden Bühne, die an ein Amphitheater erinnerte. Auf ihr schienen mindestens fünfzig Stühle zu stehen. Was würde nachher auf dieser Bühne passieren? Der Graf wippte vor Aufregung mit den Füßen. Nicht mehr lange, bis Monsieur Bachtierre die Bühne betreten würde. 

„Wann geht es los?“, fragte Ferdinand.

„In einer Stunde. Aufgeregt?“, antwortete Weaston.

Ferdinand nickte mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Alles schien im bisher viel zu gewöhnlich, um der Reputation gerecht zu werden. Alles viel zu ordinär, um speziell zu sein. Vielleicht war es seine Kunst, das Simple ins Komplexe zu verwandeln. Ferdinands Blick hing sich am Bühnenhintergrund fest, der wie ein farbloses Schachbrett hinter den Stühlen stand. Welch eigenartige Requisite! Es erinnerte eher an ein Theaterstück, doch welches Schauspiel regt zu einem Tanze an? Diese Bühne ist für die Darbietung von Stücken nicht-theatralischer Natur bestimmt. Keine Verstellung, keine Farce, sondern die Noten in ihrer fast faktischen Ehrlichkeit. Was wäre das Leben ohne die Musik. Es käme der Vollkommenheit nie nah genug! Mit jeder vergehenden Minute wuchs des Grafen‘ Antizipation. Sein Körper erzittere im Kribbeln und seine Kehle brannte wie eine Wiese an einem Sommermittag. 

„Lassen Sie uns etwas zu trinken holen.“, sagte Ferdinand. Weaston nickte dem Grafen zu. Die beiden ließen die Konzerthalle vorerst hinter sich und trieben den blutroten Strom hinab. Links von ihnen befand sich ein Ausschank, an dem sich die beiden ein Bier bestellten. Die Dame übergab ihnen ihre Getränke in zwei Tonkrügen. Sie stießen auf den Abend an und das kühle Getränk bewässerte des Grafen Kehle mit neuem Leben, wie eine Pflanze, die wieder in den vitalen Genuss des Wassers kam. Währenddessen verzog Lord Weaston das Gesicht: „Wahrlich ekelhaft.“ Er nahm den Krug unter die Nase, um sich zu versichern, dass niemand das Fass mit seiner Notdurft angereichert hatte. „Wie könnt ihr das Trinken?“ 

„Es gibt weitaus Schlimmere. Seien sie froh, dass nicht die lokale Brauerei angeheuert wurde. Dieses verdient Ihren Blick weitaus mehr. In der Poesie des Pöbels sagt man: „Trinkste eins pisste vier.“ Gerüchten zu Folge wird es wiederverwertet.“, antwortete der Graf.

„Widerwärtig! Ich dachte, das Bier sei dem Deutschen heilig?“

„Ist es durchaus mit dem Gebot zur Reinheit, manche durch den Filter des Urins.“ 

Weaston schüttelte mit dem Kopf und stellte seinen Krug auf einem Tisch ab. Ferdinand belustigte die Reaktion seines Freundes. Die beiden betraten nun die Konzerthalle durch die Doppeltüren unterhalb der Treppe. Vor ihnen stand bereits eine Menschenmauer. Sie schlüpften an den noch offenen Stellen zwischen den Edelleuten vorbei. 

„Warum stehen sie so starr beieinander? Ich dachte, es sei ein Tanze?“, fragte Ferdinand. 

„Nicht alle vermag die Musik gleich zu ergreifen. Einige ergötzt es mehr, erst mal zu beobachten. Andere trauen sich nicht. Was würde bloß mit ihrem Ruf passieren, wenn sie gleich die Fläche erstürmen.“, antwortete Weaston.

„Sollten ihre Sorgen nicht jenen gelten, die nicht an solchen Festlichkeiten teilnehmen?“

„Mir erliegt kein Bedarf zur Erklärung.“ 

Ferdinand nickte und lachte. Die beiden Herren standen mittlerweile wenige Reihen vor der Bühne. Weaston zückte seine silbern-glänzende Taschenuhr und gab die Uhrzeit kund. Noch drei Minuten bis zum Beginn. Ihm wurde die Tatsache nicht als Einziger bewusst. Den ganzen Raum durchdrang eine unruhige Anspannung. Einige schwankten bereits auf der Stelle, während andere schon ausgefallenere Tanzschritte übten. Diese Augenscheinlichkeit veranlasste Ferdinand, sie als erfahrene Raveurs einzuordnen, aber sein Freund verharrte ruhig neben ihm. Anscheinend schien es kein zwingendes Kriterium zu sein. Eher riss es ihn selbst dahin, sich zu bewegen, doch in welchem Stile tanzt man zu der Musik? Ihm wurde gesagt, dass die Rhythmik schnell sei, doch in welcher Relation? Wäre ein Wiener Walzer angebracht? Brauchte er einen Partner? Die Ungewissheit, wie er sich verhalten sollte, erhöhte die Anspannung. Er entschied sich nach den anderen zu schauen oder einfach auf seinen Freund. 

„Welcher Tanz eignet sich am besten?“, fragte der Graf.

„Alle und keiner.“, antwortete Weaston.

Ferdinand sah in der Antwort keine Erkenntnis, aber ließ es darauf beruhen. Bevor er noch weitere kryptische Phrasen auswerten müsste, wartete er lieber ab, damit die Zeit ihm respondierte. Sicherlich eine unterschwellige Aufforderung zur Geduld. Weaston sollte reden, wie er wolle, Ferdinand nahm an der Festlichkeit teil, um es für sich selbst herauszufinden. Er nahm noch einen Schluck Bier, doch plötzlich schmeckte es nicht mehr. Als er sich umdrehte, um das Getränk wegzubringen, sah er die nun geschlossene Menschenmauer, die ihn wie ein organischer Vorhang von der Außenwelt trennte. Die Anhänger des Ravés und die, die es werden wollten, blieben übrig in der kleinen Blase, die gleich mit Musik gefüllt werden sollte. Während der Graf weiterhin umher sah, bemerkte er, wie einzeln die Lichter an den Wänden erloschen, bis nur noch die beiden Fackeln neben der Bühne brannten. Neben ihm drehten sich alle Köpfe in Richtung der Lichtquelle, als ziehe es sie wie Insekten an. Auch Ferdinand richtete seinen Blick dahin. Unter den Schatten der Fackeln strömten von beiden Seiten Köpfe auf die Erhöhung. Erst als sie oben ankamen, erkannte man ihre schwarze Bekleidung. Ferdinand zählte die bisherige Instrumentierung und stellte fest, dass es sich um 20 Kontrabässe handelte. Was wollten sie mit so vielen Kontrabässen? Was für ein Orchester sollte das sein? Wider Erwarten legte sich Schweigen über den Raum. Die Spannung hielt den Anwesenden die Münder zu. Eine andere Erklärung schien dem Grafen nicht möglich. Die Kontrabässe nahmen vorn Platz und spielten Viertelnoten, doch weder zupften sie die Saiten, noch strichen sie mit einem Bogen darüber. Es wirkte, als bewegten sie nur ihr Handgelenk hin und her, um die Töne zu erzeugen. Weitere Instrumentalisten kamen auf die Bühne. 10 Tuben? Ferdinand traute seine Augen nicht und suchte den Blick seines Freundes, der mit der Ruhe eines Felsens neben ihm stand.  Zu den Tuben gesellten sich 10 Pauken in verschiedenen Größen und drei große Trommeln. Die Schlaginstrumente stiegen im Rhythmus der Kontrabässe ein. Die Antizipation schnürte die Kehle des Grafen zu. Was im Namen Christis bekamen seine Augen gleich zu sehen? Was für ein absurdes Schauspiel bot sich gleich dar? Mittlerweile erregten die Antworten mehr Angst als Neugier. Doch während seine Gedanken immer lauter wurden, dröhnten die Tuben durch den Raum und erloschen alles, was nicht von der Bühne kam. Immer mehr Musiker betraten die Bühne. Geigen, Flöten, Hörner, doch sie setzten sich nicht, wie man es von ihnen erwartete. Ferdinand erkannte, welches Stück sich ihm bot. Die Anarchie regierte die Bühne. Offensichtlicher konnte die Revolution nicht sein. Mittlerweile hielt jeder Bühnenplatz einen Musiker an sich, doch der Hauptakteur fehlte noch. Innerhalb eines Augenblicks sprang plötzlich eine groteskaussehende Gestalt an die Front des Orchesters. Die klassische Perücke auf dem Haupt, doch die Haare standen spitz in alle Richtungen. Ihn kleideten ein weißes Hemd, dessen obere Knöpfe offenstanden und eine güldene Hose. Keine Fliege oder eine weitere Schicht an Oberkleidern? Ferdinand malte sich die Empörung aus, welche die Damen und Herren außerhalb dieser Festlichkeit losreißen würden. Die Anwesenden jubelten ihm zu. Zwischen tosendem Applaus und lauten Rufen, versuchte Ferdinand seine Welt zu ordnen. Vergebens, denn die Etikette der Anwesenden, nein die gesamte Veranstaltung schien ihm außerweltlich zu sein. Die Gestalt auf der Bühne riss seine Arme immer wieder hoch und der Zuschauerraum steigerte seine Lautstärke ins Unermessliche. Einen Moment später zog er seinen Taktstock hinaus, klopfte auf sein Dirigentenpult und brachte die Instrumente zum Schweigen. Er gab den Befehl an die Tuben, erneut zu beginnen und legte sein Kinn auf die Brust. Fast demütig schien er zu Boden zu blicken. Die Lichter neben ihm erloschen und alles verschwand in der Dunkelheit, bis aus der Hinterwand der Bühne vereinzelte Lichtquellen strahlten. Im Verklingen des Basses drehte er sich um und rief: „Faisons la Ravé!“, während er sich in Richtung Decke beugte. Er stand immer noch mit dem Rücken zum Orchester und dirigierte die Musik über seine Schulter hinweg. Doch es schien eher ein Taktstock des Windes zu sein, mit dem er einen Sturm heraufbeschwor. Die Saiten der Kontrabässe galoppierten und die Trommeln zogen ihnen gleich. Die Töne rauschten durch die Halle wie eine wildgewordene Herde, die alles zu ihren Füßen mit der brachialen Kraft ihrer Hufe zerstampfe. Ferdinand zuckte zusammen und nahm die Hände über den Kopf, mit der festen Überzeugung sein Ende kam ihm entgegen. Zum steten Galopp gesellten sich die Tuben und Hörner, die ihre eigene Rhythmik spielten. Im Verlauf des Dirigierens beschwor er neben dem Sturm noch ein Lichtgewitter hinauf. Teile der Bühne hellten auf und verschwanden kurz danach in der Dunkelheit. Die Violinen stiegen ein und spielten eine Melodie. Wie eine Blume, die fest verwurzelt im Boden verweilt, während der Sturm alles um sie herum zerreißt. 

Der Graf suchte Hilfe bei seinem Freund, doch als er ihn erblickte, sah er wie dieser umhersprang und seine Arme durch die Luft schnitten. Er sprach ihn an, doch erhielt keine Reaktion. Was sollte er tun? Er suchte Hilfe bei den restlichen Zuschauern, doch jeder gab ihm eine unterschiedliche Antwort. Einer wippte seine aneinandergedrückten Knie zu den Seiten und rotierte seine Arme, während ein anderer immer auf die gleiche Stelle trat und ein Bein nach hinten schwang und noch ein anderer seinen Oberkörper hin und her schwenkte, als er plötzlich nach unten abtauchte. Andere sprangen und rissen ihre Arme in die Luft. Oh, süßes Chaos. Er beschwor dich und nun regiertest du diese Hallen. Je mehr unterschiedliche Bewegungen der Graf vernahm, desto mehr erfror er in sich, als baute man ihn als Statue inmitten des Gebäudes. Als wäre er Teil des Anorganischen, das als Behältnis dieses organische Chaos beherbergte. Doch eh er sich versah, verspürte er einen dumpfen Schmerz im Rücken und fiel einige Schritte nach vorn. Er bekam keine Chance zu Verwachsen. Was erwartete er? Es lag in der Natur des Sturms. Der Graf fing sich auf und balancierte seinen schwankenden Körper aus, während vor ihm eine Rückseite auf ihn zukam, die er mit beiden Händen abwehrte. Er wich weiter aus und plötzlich verband er sich mit dem Chaos und wippte seinen Körper zu den Seiten. Langsam passte er seinen Körper an den Rhythmus an und kam auf den Geschmack. Warum kämpfen, wenn der Sturm die Richtung weißt? In den Flügeln der Musik glitt er zwischen den anderen Edelleuten entlang.  Die Zeit flog an ihm vorbei. Nein, er flog mit ihr im Fluss. Auch wenn seine Bewegungen nicht danach aussahen, schwamm er mit ihnen. Für eine kurze Zeit stieg ihm das Bier zu Kopf, doch es verließ ihn als kleine Schweißperlen an seinen Schläfen. Tanzen, du wunderschönste Anstrengung! 

Mittlerweile spielte das Orchester ein anderes Stück. Die Rhythmik stolperte vor sich hin und die Trommeln klangen metallisch. Doch der Menge machte es nichts aus. Sie bewegte sich weiterhin in allen Variationen, die ihnen ihre Körper erlaubten. Außer Atem versuchte der Graf erneut Kontakt zu Weaston aufzunehmen, doch er schien in einer anderen Welt zu sein. Die Aszendenz in eine höhere Sphäre durch das Klangritual mit dazu passendem Tanz. Ferdinand blickte erneut durch die Menge, die mit jeder Bewegung eine neue Perspektive offenbarte und sah durch ein kleines Menschenfenster Lerchsfeld, der zwischen zwei gut gebauten Damen stand. Selbst aus der Entfernung bemerkte er, dass ihm der Fürst tief in die Augen schaute. Wie ein Minenwagen auf Schienen fuhr der Graf mit jedem Schritt auf ihn zu, bis er plötzlich vor ihm stand. Lerchsfeld neigte den Kopf langsam zur Seite, ging fort und verschwand hinter einer Tür. Ferdinand lief ihm hinterher, immer noch ungelöst von seiner eisernen Fahrbahn. Er sah das Raumportal noch wippen, bis er es erreichte und hineinging. An den Wänden standen mehrere Waschbecken aneinandergereiht. Vor dem Letzten befand sich Lerchsfeld, der sich am daran angebrachten Spiegel inspizierte. Er griff nach dem Fläschchen, was neben ihm stand. Beim Entfernen des Verschlusses knirschte das Glas aufeinander. Auf seiner brusthoch erhobenen Hand verteilte er den weißen Inhalt zwischen Zeigefinger und Daumen und hielt sich die Stelle an die Nase. Einem starken Schniefen folgte ein stöhnender Ausatmer. Das übriggebliebene Pulver tupfte er mit der Fingerspitze sowohl von seiner Hand, als auch aus dem Gesicht auf und verteile es auf dem Zahnfleisch seiner oberen Zahnreihe. Ferdinand trat an ihn heran und wiederholte die Prozedur, als hätte er in einen Spiegel geschaut, der sein Handeln voraussagte. Fläschchen, Handkuhle, Schniefen, stöhnend ausatmen, Rest mit dem Finger auf dem Zahnfleisch verteilen. Lerchsfeld ging an ihm vorbei und verschwand aus dem Raum. Ferdinand verblieb auf der Stelle und beobachte, was in seinem Körper geschah. Er imitierte weiterhin das Schniefen, während ihn Euphoria küsste. Ein leidenschaftlicher Kuss, der ihn erwachen ließ. Vorher muss er geschlafen haben, woher komme sonst der Tatendrang? Sein Herz schlug wie ein Hammer gegen seine Brust, als wöllte es die beengenden Wände des Körpers einreißen, um mehr Platz zu haben, um noch stärker zu schlagen; um lebendiger zu sein. Der Graf riss seinen Körper zum Spiegel herum. Dort sah er etwas, das er nicht verstand. Sein Bildnis schien in den Farben des Verbrauchs, während er sich so wach wie noch nie zuvor fühlte. Er neigte seinen Kopf immer näher heran, bis die riesigen Punkte seiner Augen beinahe die seines Gegenübers berührten. Nichtsdestotrotz strahlte sein Gesicht in der Euphorie und er stürmte zurück in den Konzertsaal. Das statische Licht des Badezimmers löste sich in einzelne Blitze zwischen dem die Silhouetten wie Schatten auf einer Wand tanzten. Im Einklang zur Musik begab er sich zurück in das Getümmel. Der Dirigent blies durch den metallischen Filter einer Trompete, während sein Orchester eine scheinbar improvisierte Rhythmik spielte. Für Ferdinand spielte das keine Rolle. Er wollte einfach Tanzen. Nein, er wollte reden. Er wollte Kontakt zu anderen. Nein, er wollte das Gebäude einreißen. Nein, er wollte es eintanzen. Gemeinsam mit anderen. Er glitt durch die Menschen zu Weaston hindurch, der ihm wieder Beachtung schenkte. Als er die Augen des Grafen sah, schüttelte er mit dem Kopf und legte seinen Geist zurück in die Wogen der Musik. Seine nächste Hoffnung lag in Lerchsfeld, doch als Ferdinand mit dem Sprechen begann, legte der Fürst ihm seinen Zeigefinger auf die Lippen und tanzte weiter mit seiner weiblichen Begleitung. Wohin mit all der Energie, die dem Grafen dringend entweichen wollte? Die Ablehnung verjagte die Euphorie nicht, die immer noch an seinen Lippen hing. Er entschied sich für die Bewegung und die Zeit zog an ihm vorbei, während er mit allen und niemandem tanzte, während die Menschendichte um ihm herum allmählich abnahm. Er schaute auf die Bühne und bemerkte, dass der Dirigent allen seinen Gesellschaftsstand präsentierte.  Als sein Blick nach unten schweifte bemerkte er, dass einige aus der ersten Reihe ihm gleichzogen. Alle anderen Ideen schienen im Moment starrsinnig und unlebendig, als der tanzenden Gruppe im halben Antlitz ihrer Schaffung beizutreten. Ferdinand drängte sich nach vorn, zog den schweißdurchtränkten Stoff aus, der sein Hemd darstellte und warf es zu Boden. Endlich fand er die Gesellschaft, die er sich die ganze Zeit erhoffte. Sie tanzten teilweise miteinander umschlungen. Schweiß traf auf Schweiß und die Haut klebte aneinander fest. Diese oberflächliche Verbindung als vermeintliche Vorstufe der tieferen Vereinigung. Nach einer Weile bemerkte der Graf, dass selbst Weaston sich zu der Gruppe gesellte und ihre Kleiderordnung einhielt. Außer Atem stützte sich Ferdinand auf seine Knie und versuchte aus der schweißgetränkten Raumluft noch etwas Sauerstoff zu ziehen. So schwer es ihm fiel die Blase zu verlassen, benötigte er dringend die belebende Wirkung frischer Luft. Er verließ den Konzertsaal und erreichte den Vorraum. An der Garderobe holten einige verbrauchte Gestalten ihre Obermäntel, während an der Schänke Gleichartige standen, die noch nicht mit dem Abend abschließen wollten. Die Luft im Foyer war bereits besser, doch nicht gut genug. Durch die große Holztür durchschritt er das Portal in die Außenwelt, die für einige Stunden nicht mehr zu existieren schien. Warum sollte sie auch? Zu welchem Zweck? Innerhalb der Halle verlor sie ihre Relevanz. Mit den beiden Wachen hinter sich stand er in der Außenwelt. Hinter ihm hallten die Instrumente während vor ihm alles der Stille erlagt, als schwebe er in der Atmosphäre vor dem Nichts des Alls. Ferdinand bemerkte wie seine Energie allmählich verschwand. Der Wind zog über seinen Körper und dort als kühle Brise den Schweiß seines Oberkörpers trocknete. Das große Nichts fuhr ihn herunter, als nähme er die Außenwelt in sich auf. Der Geschmack seiner Lippen änderte sich. Er hielt seine Finger darauf, doch er verspürte nicht mehr Euphorias Kuss. Wo war sie hin? Das konnte nicht sein! Sie durfte ihn nicht verlassen! Was für eine Qual! In den Geschmack ihrer Lippen gekommen und plötzlich küsste sie ihn nicht mehr, ohne einen Grund zu nennen. Er musste sie wiederfinden! Lerchsfeld! Er musste zu Lerchsfeld! Nur er könnte die beiden wieder vereinen, vielleicht sogar auf ewig vermählen. 

Ferdinand rannte in die Halle zurück, in der er nur noch eine Handvoll Tanzender vorfand. Mit weit aufgerissen Augen durchsuchte er den Raum. Wo ist Lerchsfeld? Der Graf ging von Person zu Person und fragte sie nach dem Fürsten. Niemand hatte ihn gesehen. Das konnte nicht sein. Er durfte ihn so nicht zurücklassen. Ferdinand rannte in den Raum, in dem er das Glück erstmals fand. Er rammte die Tür auf, doch niemand stand am Waschbecken. Ein dumpfes Knallen schallte aus einer der Latrinen. War er das? Fand er doch noch das Glück? Er riss die Toilettentür auf. Eine Frau lag darin. Ferdinand erkannte sie als eine von Lerchsfelds Damen. Er rüttelte an ihr, doch sie zuckte nicht. Der Graf fand sich damit ab, dass sie tief schlafe und er keine Antwort bekäme. Seine letzte Hoffnung lag in den Wachen am Haupteingang. Er eilte zu ihnen zurück. Als der Graf ihre Antwort hörte, sah man die Hoffnung in seinen Augen sterben. Das durfte nicht sein! Wann sah er das Glück wieder? Warum folterte ihn das Leben? Was ist das Leben ohne ihren Kuss? Er fasste mit seinen Händen an den Hinterkopf, brüllte und zog sich zusammen. Rückwärts stolperte er an die Steinwand des Eingangs. Die raue Oberfläche der Steine kratzte seiner Haut entlang, als er sich zu Boden ließ. Nun saß er vor der Halle, in sich selbst zusammengesunken. Seine Gedanken kreisten nur noch um das Glück und seine gescheiterte Jagd. All die Grausamkeit, die es ihm bereitete. All die Klarheit, die es ihm verwehrte. Mit jedem weiteren Gedanken verließ ihn die Kraft, die vorhin unendlich schien. Euphoria existiere nur noch in seinem Kopf. Hieraus war es ihr unmöglich zu entfliehen. Wenigstens blieb ihm die Erinnerung ihrer Lippen.

Ferdinands Körper bewegte sich als starre Masse zu beiden Seiten. Nach mehreren Wiederholungen spannten seine Muskeln sich wieder an und er kam zum Stillstand. Auf den Pflastersteinen der Straße klackerten die Räder einer Kutsche. Das Licht schien dumpf vor seinen Augen. Als er sie öffnete stachen die Sonnenstrahlen wie Nadeln in sie hinein. Sofort kniff er sie zusammen und rieb mit seinen Fingern an ihnen. Wieder rüttelte es an ihm. Als der Schmerz allmählich nachließ, erkannte er Lord Weaston, der über ihm stand. Er schaute sich um und sah rechts von sich die große Eingangstür. Auf der anderen Seite liefen Bauern, Händler und andere Fußgänger, deren Stimmengewirr ihm nun auffiel. Weaston klopfte ihm auf die Schulter und half ihm beim Aufstehen. Ferdinand benötigte einen Moment, um seine Balance zu finden. Am liebsten wäre er sitzen geblieben, doch aus Angst vor Almosen raffte er sich auf. Er fühlte sich wie Gosse und strahlte es nach draußen aus. Für das Äußere brächte ihm ein Bad Heilung. Für das Innere benötigte er höhere Mächte, auch wenn diese nur ein Fürst waren. Der Lord stützte seinen Freund unter der Schulter und die beiden stiegen in die Kutsche. Auf dem bequemen Polster ruhten die müden Knochen des Grafen, der den weiteren Schlaf ersehnte. Er blickte noch einmal zur Konzerthalle zurück, aus der zwei Angestellte eine Trage mit einem weißen Abdecktuch hinausbrachten.  

„Unvergesslich, nicht wahr?“, fragte Weaston.

Der Graf antwortete in Abwesenheit des Geistes mit einem Nicken, während er auf die Vergänglichkeit blickte. 

Ein Fax zum Verlieben


 

Die Sonne warf einen Halbschatten auf die Dokumente ihres Schreibtisches. Judith balancierte ihren Bleistift zwischen den Finger, ließ sich zurückfallen und drehte sich im Stuhl umher. Mit einem tiefen Seufzen zog sie sich zurück an den Tisch und starrte auf die Dokumente vor sich. Am liebsten hätte sie auf den architektonischen Zeichnungen gemalt, aber sie hielt sich gern aus Schwierigkeiten heraus. Bürogebäude für Großkonzerne zu entwerfen, was gab es Besseres? Sie schaute auf die Uhr. Grad mal um zwei. Mit einer sanften Handbewegung zeichnete sie weiter.
In ihrer Langeweile versunken erschrak sie, als plötzlich ein lautes Geräusch durch ihr Büro hallte. Sie drehte sich um und sah das Faxgerät an, aus dem ein Stück Papier kam. Langsam bewegte sie sich darauf zu. Als sie es ansah, weiteten sich ihre Augen.
„Hallo Judith, Freitag Abendessen? 18:00 bei Di Giovannis – CH“
Ein Gefühl der Wärme durchzog sie und errötete ihren Kopf. Nicht nur warm, sondern heiß. Judith öffnete die obersten Knöpfe ihrer beigen Bluse, sodass man den Oberrand ihres weißen BHs sehen konnte. Kleine Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn. Sie ließ sich von nichts abhalten, im Zimmer umherzuspringen. Sie stürmte auf den Gang und begab sich zum Büro ihrer Kollegin Beth. Sie klopfte kurz und riss die Tür auf.
„Judith, was ist los? Du siehst schrecklich aus“, sagte Beth und erhob sich von ihrem Schreibtisch, um auf sie zuzugehen. Judith wedelte mit dem Fax durch die Luft und antwortete: „Du glaubst nicht, was passiert ist!“. Sie stieß ihrer Kollegin das Dokument gegen die Brust. Beth schaute es an und ihr blieb der Mund offen stehen.
„Oh, mein Gott!“, kreischte sie.
„Ja, unglaublich!“, erwiderte Judith in einer gleichhohen Tonlage. Beth umarmte ihre Freundin und beide kreischten vor Freude. Sie träumte schon lange davon, mit ihm auszugehen.
„Sag zu! Sag zu!“, rief Beth, während sie Judith an den Schultern schüttelte.
„Was soll ich schreiben?“ Ihr Gesicht war von Unbeholfenheit überzogen.
„Ja. Schreib einfach ja.“
Sie nickte und ging zum Schreibtisch, doch Beth hielt sie auf.
„Antworte später. Du kannst nicht zeigen, dass er dich schon rumgekriegt hat. Lass ihn kämpfen.“, sagte ihre Kollegin.
„Was schlägst du vor?“
„Schick es kurz vor Feierabend hin. Dann beschäftigt er sich den ganzen Abend damit.“
Judiths gesamtes Gesicht war knallrot. Der Cocktail an Gefühlen veranlasste sie beinahe in Freudentränen auszubrechen.
„Ich freu mich so für dich. Carter Henry! Seit du hier arbeitest, stehst du auf ihn.“, fügte Beth hinzu.
„Hoffentlich ist es kein Scherz.“
Was ist, wenn es gar nicht für mich bestimmt war? Wie kommt er auf mich?
„Er weiß, dass du ne gute Partie bist.“, sagte Beth. Sie nahm Judiths Hände und schaute ihr tief in die grünen Augen.
„Danke!“, sagte sie.
Kurz bevor Judith den Raum verlassen wollte, hörte sie Beth lachen “Schätzchen, knöpf dir deine Bluse wieder zu.“
Sie errötete. In all der Aufregung vergaß sie, dass ihre Bluse halb offen stand. Die Frau hoffte, dass sie keiner so gesehen habe. Was sollten die Kollegen nur denken? „Judith das Büroflittchen. Weiß nicht, dass man die Brüste auf Arbeit lieber eingepackt lässt.“ Ihre gesamte Freude ebbte in Scham über. Was ist nur los mit mir?
In ihrem Büro angekommen, setzte sie sich an ihren Schreibtisch. Der Berg an Arbeit glich dem Mt. Everest. Sie versuchte die Zeichnung fortzusetzen, jedoch glitten ihre Gedanken immer wieder zum Fax ab. Vielleicht antwortet er gleich, wenn ich jetzt schreibe. Kurz darauf erstickte sie den Gedanken. Mit einer filigranen Bewegung fügte sie der Skizze eine schräg verlaufende Linie mit einer Rundung an der Spitze hinzu. Automatisch vollendete sie diese zu einem Herzen. Sie schrak auf und griff sofort nach dem Radiergummi. Was ist los mit mir? Das ist doch lächerlich. Judith wandte ihren Blick zum Faxgerät. Sie wusste, dass sie es tun müsste, sonst fasse sie keinen klaren Gedanken. Wenn es zu fassen wäre, dass Mr. Henry mit ihr Essen gehen will. Die vorherige Hitze entflammte erneut in ihr wie ein Vulkan, der kurz vorm Ausbruch stand. Sie stellte sich vor das bauchhohe Gerät und schrieb ihre Nachricht auf ein Stück Papier.
Ja, ich komme gern | Ja, das klingt wundervoll | 18:00 Di Giovannis bestätigt 
Sie schrieb und strich durch. Dann kam ihr die Idee, dass sie ihm eine Frage stellen muss, damit er antworte! Sie drehte das Blatt um.
Hallo Mr. CH, ich komme der Einladung nach. Was werden Sie tragen, damit ich ein passendes Kleid anziehen kann?
Zufrieden schaute sie auf das Geschriebene. Dann überkam sie die Angst, dass sie die falsche Seite schicken würde und holte sich ein leeres Blatt, schrieb die Nachricht erneut und faxte es weg. Sie überlegte bereits, welches Kleid am besten wäre. Ihr Rotes, das blaue oder ganz schlicht das Schwarze? Rot. Es muss rot werden! Hoffentlich wünsche er es sich. Mit großer Erleichterung machte sie sich wieder an die Arbeit. Von hieran schwebte sie bis zum Feierabend.
Hat er meine Nachricht schon gelesen? Judith nahm den Bleistift in den Mund und begann darauf zu kauen. Sie würde gleich nach Hause gehen, aber hatte noch keine Antwort. Der Gedanke quälte sie, bis morgen warten zu müssen. Ihr Blick pendelte zwischen der Uhr und dem Faxgerät. 16:30 – leer. 16:40 – leer. 16:45- leer. 16:50- leer. 16:55 – leer. 16:56 – leer. In 4 Minuten hat sie Schluss und keine Rechtfertigung, länger zu bleiben. Ihre Arbeit war erledigt und an die nächste Instanz abgegeben.
Als die Uhr 5 schlug, seufzte Judith. Morgen früh, hoffentlich morgen früh! Plötzlich klopfte es an ihrer Tür. Sie wandte ihren Blick hin und riss die Augen weit auf, in der Hoffnung Mr. Henry, komme persönlich vorbei. Judiths Vorstellung zersprang in tausend Scherben, als Beth hineinkam.
„Hast du einen Geist gesehen?“, fragte Beth mit einem lauten Lachen. Judith saß weiterhin starr da und schaute zu ihrer Kollegin. Wenige Sekunden später schüttelte sie sich wach und sagte: „Nein, ich hab nur gehofft, jemand anderes würde klopfen.“
„Ich bin viel besser! Lass uns gehen.“
Judith schaute von ihrem Bürostuhl hinauf und blickte zum Faxgerät hinüber. Was ist, wenn er doch noch antwortet?
„Nein, wird er nicht. Er ist vor einer halben Stunde los.“, sagte Beth.
„Na gut.“, seufzte Judith. Sie drehte sich zu ihrem Schreibtisch, sortierte ihre Schreibmaterialien und packte die Sachen zusammen. Vielleicht erwartet sie morgen eine Antwort. Wie sehr eine Reihe Buchstaben den ganzen Tag versüßte. Was macht er wohl die ganze Zeit?
Die Kolleginnen verließen das Bürogebäude und umarmten sich zum Abschied. Beth ging in die entgegengesetzte Richtung, während sich Judith auf den Weg zur U-Bahn-Station machte. Um 17:00 glich diese einem Ameisenhaufen, in dem alle herumschwirrten. Sie schlängelte sich an den Menschenmassen vorbei, in denen sie sich fühlte, als würde sie durch eine Schlucht laufen. Mit ihrer Hüfte drückte sie das Drehkreuz auf, welches hart gegen den Knochen stieß. Mit einem Klacken schloss sich der Mechanismus hinter ihr. Sie schaute auf die Anzeigetafel, welche die Ankunft ihrer Bahn in 6 Minuten ankündigte. Umgeben von Menschen und Werbeplakaten, die den amerikanischen Traum verbildlichten, wartete sie auf das Transportmittel. Warten; das war es, was sie den ganzen Tag machte. Auf den Feierabend, auf die Bahn, auf Carter Henry und das gemeinsame Dinner. Wären Zeitreisen möglich, würde Judith sofort zu dem Zeitpunkt hinreisen. Nein, lieber erst zur nächsten Antwort, damit sie wüsste, was sie tragen soll. Wenn er sich der Frage überhaupt annimmt! Ein schrilles Quietschen ertönte in ihren Ohren, als vor ihr ein silberner Metallkasten anhielt. Die Türen der Bahn öffneten und Menschen strömten hinaus. Dennoch schien sich an der Passagierzahl nichts geändert zu haben. Menschen, überall nur Menschen. Judith drängte sich zwischen zwei große Männer und griff nach der Haltestange, die Wärme auf ihre Handfläche strahlte. Wer weiß, wer hier vorher schon angefasst hat. Vielleicht der ekelhafte Penner, der an der anderen Tür quetschte. Im Waggon roch es, als würde er diesen bewohnen.
Nach 20 Minuten erreichte die U-Bahn ihre Haltestelle. Sie quetschte sich aus der Bahn heraus, als wäre sie Zahnpasta in einer Tube. Selbst in diesem abgelegeneren Viertel sammelten sich nicht weniger Menschen. Was wollen die alle hier? Hier gibts absolut nichts zu sehen und die Innenstadt will man sich um die Uhrzeit auch nicht antun! Sie durchlief den menschlichen Slalom und stieg die Treppen zur Oberwelt hinauf. Weit und breit keine Menschenseele. Es scheint, als hätten sich alle in der Station gesammelt. Bis auf die Läden, deren Schilder ihr entgegenstrahlten, erlag alles der Abwesenheit. Hinter den Fensterscheiben sah sie einige andere Menschen, doch durch das Glas schienen sie unendlich weit weg zu sein. Dunkle Wolken überzogen den Himmel. Sollte es heute noch regnen? Judith lief den Fußgängerweg der breitbezogenen Straße entlang. Kein einziges Auto fuhr an ihr vorbei. Warum bauten sie hier eine Straße, wenn sie keiner benutzte?
Nach 5 Minuten erreichte sie ihren braunen Wohnblock, der sich in acht Stockwerken zum Himmel streckte. Sie öffnete die grüne Eingangstür und trat ein. Jedes Mal fragte sie sich, wer sich für die Farbkombination entschieden hat und wer dem Ganzen zugestimmt hatte. Man konnte nur hoffen, dass sie nicht mehr im Bauwesen ihr Unwesen trieben. Judith stand auf dem grauen Steinboden in der Eingangshalle, deren Wände wie Riesen über sie ragten. Sie wandte ihren Blick zu den Dutzenden beschrifteten Kästen links von ihr und hielt vor ihrem an. Sie öffnete die Luke, um in ein gähnendes Nichts zu blicken. Weder Briefe noch irgendwelche anderen Schriftstücke und erst recht keine Nachricht von Carter Henry. Ein Fax von ihm zu bekommen, erwies sich als verrückt genug. Sie wollte ihr Glück nicht strapazieren. Wenn wenigstens morgen seine Antwort aus dem Faxgerät kommen würde. Eine Nachricht genüge. Selbst wenn es bis Freitag täglich nur eine ist, könnte sie jede wie ein Türchen im Adventskalender öffnen. Jeden Tag ein paar Worte mehr, bis sie bei einem wundervollen Abendessen endlich viele von ihm bekommen würde! In Gedanken versunken machte sie sich auf den Weg zum Aufzug am Ende des Ganges, der sich links neben den Treppen abzweigte. Sie bog in den Raum hinein. Dort erwartete sie ein Schild, dass auf der silbernen Tür klebte. „Außer Betrieb“. Nicht schon wieder! Judith schnaubte aus und drehte zur Treppe um. Warum auch immer dieser dämliche Aufzug kaputt ist. Mit langsamen Schritten schleppte sie ihren Körper in den siebten Stock. Für eine Frau ihrer Statur kein Problem, aber sie hatte keine Lust. Nach sehnsüchtigem Warten und einer quälenden Bahnfahrt darf man sich ein wenig Bequemlichkeit genehmigen. Vielleicht hat sie auch Glück und Mr. Henry fährt sie bald mit dem Auto auf Arbeit. Dieser Mann war durch und durch ein Gewinn!
Judith schloss ihre hölzerne Wohnungstür auf und drückte gegen sie. Mit einem lauten Knacken rastete sie nach wenigen Centimetern ein. Dieses verfluchte Haus! Judith lehnte sich mit ihrem gesamten Körper gegen das Holz und stieß mehrmals dagegen. Mit jeder Bewegung rückte die Tür ein wenig mehr nach innen, doch das Knarzen klang bei jedem Mal gequälter, als füge man dem Material großes Leid zu. Plötzlich schnellte die Tür in ihre Wohnung und Judith flog beinahe auf ihren grünen Teppich. Wer glaubt, dass die Landung weich wie auf Gras wäre, irrt! Sie stolperte inmitten ihres Flures, bis sie wieder Halt fand. Die außergewöhnliche Art nach Hause zu kommen gehörte zu ihrem Alltag. Inmitten ihres schmalen Flures stand sie nun neben der Garderobe. Sie legte ihren Mantel ab, zog die hohen Schuhe aus und schlüpfte in ihre Plüschlatschen. Mit einer Handbewegung öffnete sie die Halterung ihres BHs und die obersten Knöpfe ihrer Bluse, während sie sich in ihr Wohnzimmer begab. Am Ende des Ganges bog sie rechts ab. Die Tür mit dem eingesetzten Rechteck aus Glas stand bereits offen. Ihr Wohnzimmer war knapp drei Mal so groß wie der Flur. An der rechten Wand standen zwei braune Sessel, ein kleiner runder Glastisch und eine menschenhohe Stehlampe. Dahinter zierte sich eine gelbe Tapete mit Blumenmuster. Auf der anderen Seite befand sich ihre Küche, deren Schiebetür und Schiebefenster offenstanden. Sie schenkte allem keine Beachtung und ging direkt zum Fenster. Auf dem Fensterbrett lagen eine Schachtel Zigaretten und ein Feuerzeug. Judith öffnete das Fenster, zündete die Zigarette an und nahm einen tiefen Atemzug. Auf den Unterarmen abgestützt, lehnte sie ihren Kopf nach draußen und genoss die Mischung aus Frischluft und Rauch. Zum Glück konnte sie niemand bei ihrem Heimkommen-Ritual sehen. Was würden ihre Kollegen nur denken? Die feine Dame steckt sich Zigaretten in den Mund? Wie schäbig! Mr. Henry gestatte es ihr sicher. Er raucht selbst im Büro. Was wäre da eine Zigarette zu Hause?
Sie drückte sie auf der Außenseite des Fensterbretts aus und entsorgte den Stummel in der Küche. Um den Tag ausklingen zu lassen, setzte sie Wasser an. Wenige Minuten später saß sie mit einem Kräutertee in einem ihrer Sessel und las „Das Mädchen auf dem Delfin“. Kurz nach 11 klappte sie das Buch zu und legte sich ins Bett. Ein neuer Tag und vielleicht eine neue Nachricht warteten!
„Na, süße Träume gehabt?“, fragte Beth.
Judith drehte ihre weiße Kaffeetasse auf der grauen Tischplatte umher und erzeugte damit ein Knirschen. Sie blickte ihre Kollegin an, die ihr im Pausenraum gegenübersaß und sagte: „Schön wär’s. Ich träumte wieder von dem weißen Pferd. Meine Haare wehten im Wind, während ich durch hohes Gras im Sonnenuntergang ritt. Irgendwie kitschig, aber langsam wirds auch gruselig.“, antwortete Judith.
„Du hast von ihm geträumt! Er ist das Pferd, mit dem du ein romantisches Abenteuer erleben wirst! Glaub mir! Seit wann hast du die Träume?“
Beth hätte vor Begeisterung explodieren können. Sich in die Romanze ihrer Kollegin zu verwickeln, belebte jeden Teil ihres Körpers. Judith kratzte sich am Hinterkopf.
„Ich glaube kurz nachdem ich hier angefangen habe.“ Bevor Judith etwas Weiteres hinzufügen konnte, klirrten die Tassen beider Frauen. Beth schlug auf den Tisch.
„Siehst du. Er ist es!“, sagte sie. Neben ihrer Tasse schwamm ein brauner See. „Verdammt!“. Sie stand auf und ging zu der schmalen Küchenzeile hinter ihr, um einen Lappen zu holen.
„Können wir dem Ganzen weniger Bedeutung geben?“, fragte Judith. Aber sie wusste, dass sie sich damit selbst belog. Als sie heute Morgen das Bürogebäude betrat, eilte sie in ihr Zimmer und ging direkt aufs Faxgerät zu. Normalerweise zog sie ihre Jacke aus, holte sich einen Kaffee und ordnete ihre Arbeitsmittel. Doch was war das alles im Vergleich zu einem informellen Fax von Carter Henry? Ein großer Haufen Nichtigkeiten! All der Nervenkitzel legte sich, als sie die Leere des Sendungsfaches ansah. Was erwartete sie auch? Mr. Henry erscheint eine Stunde später als sie auf Arbeit und seine erste Amtshandlung wäre sicher nicht ihr zu antworten. Auf seinem Schreibtisch lag ein großer Haufen Wichtigkeiten, die sich vor Judith drängelten. Sie nahm sich vor, nachher in ihrem Papierkorb zu sehen, ob sie nicht ihr Gehirn weggeworfen hatte. Wo blieb ihre Vernunft? Gefühlt schickte sie sie nach Erhalt des Faxes unwiderruflich fort. Sie dachte an ihre Arbeit und was sie zu erledigen hatte. All das war wichtiger, als auf ein blödes Stück Papier zu hoffen!
Beth öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch sie hielt inne, als sie eine tiefe Stimme aus dem Türrahmen vernahm.
„Lassen Sie den Kaffee wieder Ihr Temperament spüren, Miss Raymond?“, sagte diese einen Moment später. Die beiden Damen schauten zu ihm hin. In einem braun-karierten Anzug kam der Mann durch die Tür. Sein Wohlstand spiegelte sich in seiner Körpermitte wider. Kein Leben des übermäßigen Genusses, aber auf jeden Fall genug Mittel, um es sich gutgehen zu lassen. Trotzdem hatte er ein wunderschönes Gesicht. Er war einer der Glücklichen, die trotz ein paar Pfunden mehr, Visagen zum Verlieben hatten. Keine Tendenz zum Hamster, sondern in einem sanften Übergang der Strukturen miteinander komplementär. Ein Gesicht so weich, dass man am liebsten permanent mit den Fingern hinüberfahren wollte. Besser gesagt in seinem Fall zwischen seiner Haut und den herausstechenden Stoppeln seines Dreitagebartes, der die komplette Gesichtspartie bedeckte. Wie gern hätte Judith das Stechen auf ihrer Handfläche gespürt. Seine Haare lagen auf seinen Schultern ab; zumindest hinten. Vorn reichten sie nur bis zur Stirn. Mit einem Lächeln, auf das zehn von zehn Zahnärzte stolz wären, ging er auf die Kaffeemaschine zu.
„Ach Mr. Henry. Sie und Ihre Scherze!“, antwortete Beth.
Ihr Lächeln wirkte, als zogen es zwei unsichtbare Hände nach oben. Judith saß am Tisch. Erstarrt, als sperrte Mr. Henrys Betreten sie in sich ein. Die Überwältigung, die sie im Moment verspürte, nahm ihr die Stimme. Das Einzige, was aus ihr sprach, waren ihre weit aufgerissenen Augen. War es wahr? Lädt er sie am Freitag zum Abendessen ein? Ist das real oder ist mein eigentliches Leben der Ritt auf dem Pferd? Wie sollte das enden, wenn sie beim Essen keinen einzigen Ton herausbekommt? Sie hoffte, dass er mit ihr rotes, italienisches Gesprächselixier trinke, wobei dabei die Gefahr des Plapperns bestände. Hoffentlich werd‘ ich nicht zum Wasserfall! Er wirkt wie der Typ, der keine Worte verschwendet.
„Nennen Sie mich Carter!“, sagte er, „Ich nehme an, die Damen haben heute bereits hart gearbeitet.“
„Seit 5 Uhr.“, kicherte Beth. „Sie sicherlich auch.“
„Selbstverständlich. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie anstrengend der Weg vom Haupteingang bis zur Kaffeemaschine ist.“
Auf Judiths Gesicht zeichnete sich ein Lächeln ab und ein Geräusch erklang in ihrem Hals, doch ihre Miene fror angesichts Beths pathetischen Lachens ein, dass nicht in Mr. Henrys Ohren, sondern direkt in seinen Arsch kroch. Carter goss Kaffee in seine Tasse, auf der sich das Firmenlogo zierte. Einen Moment später drehte er sich zum Tisch herum und sah Judith an. Sie erschrak, ohne es nach außen zu zeigen. Bloß nichts Falsches sagen! Oder überhaupt was sagen!
„Ich habe Ihre Skizzen gesehen. Ausgezeichnete Arbeit!“, sagte er. Judith schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter und antwortete: „Vielen Dank, Mr. Henry!“. Ihre Stimme krächzte, als sie die ersten Worte aussprach.
„Carter. Ich habe Ihnen auch etwas per Fax zukommen lassen.“, sagte er. Was? Judith verwandelte sich wieder in einen Eisblock. Auch Beth, die grad dabei war, die Pfütze zu beseitigen, stoppte. Warum machte er es nur so spannend?
„Was soll es für eine Farbe werden?“, fragte Judith.
„Ich schwanke zwischen hellgrau und Sandstein. Beides passt gut in das Kolorit der Innenstadt.“, antwortete er.
„Dazu habe ich nichts Passendes.“ Wie es aussah, brauchte Judith innerhalb von zwei Tagen ein neues Kleid. Ein Ausflug in die Mall schien unausweichlich. Beth hätte sicherlich ihren Gefallen daran, sie zu beraten. War das nötig? Zum Hellgrau sah sie sich in einem knalligen Rot. Als Matadora bringt sie dieses gewaltige Tier mit ihrem roten Tuch in Aufruhr. In der Farbe der Leidenschaft wäre diese garantiert!
„Darum kümmere ich mich.“, sagte er. Als reichte das Essen nicht aus. Dieser Mann steckte voller Überraschungen. Die beiden Damen schauten sich mit großen Augen an. Am liebsten hätte Judith ihre gerieben; in der Hoffnung, dass sie mit einem Blinzeln nicht wirklich in der Blumenwiese verschwand.
Mit seiner Tasse in der Hand verließ Carter den Aufenthaltsraum und ließ die beiden Damen allein zurück. Beide ließen einen stummen Schrei los und Beth deutete das Öffnen einer Champagnerflasche an. Wenn das nicht ein absoluter Hauptgewinn war. Warum im Lotto gewinnen? Mit Carter Henry auszugehen, reichte völlig aus.
„Ich fass es nicht!“, flüsterte Beth. Judith, die von der Diskretion ihrer Kollegin sichtlich überrascht war, nickte ihr zu. Womit verdiene ich das? Warum ich? Es gibt so viele andere Frauen auf dieser Welt und er könnte sie alle haben. Nicht, dass sie ihre Chance verpasst, weil sich der ganzen Sache nicht wert fühlt. Es ist nicht die Angst, seine Ziele zu erreichen, sondern das Gefühl, zu Unrecht angekommen zu sein. 
Judith verabschiedete sich vorerst von ihrer Kollegin und begab sich in ihr Büro. Immerhin erwartete sie eine Nachricht von Mr. Henry. Was auch immer es sein mochte, es trug seinen Namen. Das allein genügte ihr. Sie riss die Tür auf und ging direkt aufs Faxgerät zu, in dem ein dünner Papierstapel türmte. Wenige Momente später verteilte sie die Blätter über ihren Schreibtisch. Inmitten eines Briefaustauschs zwischen Mr. Henry und einem Bauunternehmer lag die ersehnte Nachricht. Judith schob alles andere zur Seite und krallte sich das Stück Papier, auf dem nichts weiter als „Klassisch schwarz“ stand. Sie wusste, dass es ihr alle Freiheiten gab, zu tragen, was sie für richtig hielt. Der Verzauberung in ihrem roten Kleid stand nichts mehr im Weg. Außer sie selbst. Sollte sie noch etwas antworten? Gab es noch irgendetwas zu sagen? Sie wunderte nur, wie er in der kurzen Zeit von Hellgrau und Sandstein auf Schwarz gekommen ist. Nach einem erneuten Blick viel ihr der Zeitstempel auf. Das Fax erreichte sie vor ihrem Gespräch im Pausenraum. Was ging hier vor sich? Für einen Moment überkam Judith das Gefühl, dass ihr jemand einen üblen Streich spielen wollte. Ehe sie sich versah, würde sie am Freitag allein bei Di Giovannis sitzen und ihren Kummer in einem tiefen Rotweinsee ertränken. Oder ihre Naivität. Oder einfach beides und jegliche anderen Gefühle, die sie in dem Moment überfluteten. In Tränen gesalztes Essen. Auch in dem Fall war der Koch verliebt! 
Judith eilte zum Schreibtisch zurück und überflog die Dokumente, die Carter ihr zugesandt hatte. Beim Lesen erlangte sie ihr Augenlicht zurück. Die Stadt plante den Bau eines neuen Bankgebäudes mit großen, quadratischen Steinen an der Außenseite. Hellgrau oder Sandstein dienten dem Zweck, das Gebäude im historischen Stadtkern einzubetten, damit es nicht wie ein Alien zwischen den Denkmälern aussah. Judith beschwichtigte ihre Zweifel mit der Möglichkeit eines Missverständnisses. Carter war nun mal Geschäftsmann! 
Zwischen Hupen und Motorengeräuschen wich Judith den Menschenmassen des Gehwegs aus. Zu dieser Zeit drängte sich die ganze Stadt entweder raus oder hinein mit dem Ziel, in zwei wohlverdiente freie Tage zu starten. Die wilden Partys riefen; oder schlichtweg die Couch daheim. Im Wunsch, die Arbeitswoche vergessen zu lassen, stürzten die Menschen darauf los. Ganz anders bei Judith. Schon während der Arbeit fantasierte sie darüber, was sie in wenigen Minuten erwarten würde. Kommt Mr. Henry wirklich? Worüber würden sie reden? Nimmt er sie mit nach Hause? Im Takt des Windes wippte ihr rotes Kleid, dessen Stoff knapp über ihren Knien ihre Haut streichelte. Ihr Gesicht zeichnete sich von unzähliger Arbeit ab, die erst außerhalb des Büros entstand. Würde es ihm auffallen? Nein, er ist ein Mann. Selten haben sie ein Auge für so was. Nur das aufgetakelte Resultat, aber nie die Arbeit, die dahintersteckt. Ein Glück, dass sich deren Probleme auf die Haare ihrer Köpfe beschränkten. 
Judith erreichte das kleine Restaurant, das wie ein Sandwich zwischen einem Minimarkt und einer Bank klemmte. Eigentlich perfekt, wenn man seine Margarita selbst belegen oder das Abwaschen vermeiden wollte. Über einer beigen Markise zierte sich „Di Giovannis“. Darunter befanden sich mittig eine Tür mit zwei großen Fenstern zu den Seiten. Die Annahme, dass es sich um ein Einkaufsgeschäft handelte, wäre ohne die Tische, die den Gehweg in seiner Breite halbierten, nicht abwegig. An den Sitzplätzen versammelten sich verschiedenste Personenkonstellationen. Eine italienische Großfamilie, die durchaus die Besitzer hätten sein können, ein asiatisches Paar und eine Gruppe junger Männer, die einen skandinavischen Eindruck machten. Welchen Platz hatte Mr. Henry für sie auserkoren? Ihr gefiel der Gedanke, das Essen im warmen Mantel des Frühlingsabends zu genießen. Jedoch vermutete sie eher einen privaten Tisch für sie zwei. Warum gerade dieses Restaurant? Er konnte sich so viele bessere und noblere Läden aussuchen. Nicht, dass es schäbig aussah, aber es wirkte nicht besonders. Eher wie ein Ort, dessen Flair man überall im italienischen Viertel hätte einfangen können, also warum nicht dort, sondern mitten im Sturm des Feierabendverkehrs der Innenstadt? Sie vertraute auf den erlesenen Geschmack ihres Rendez-Vous. Immerhin war er das, ein Mann von Geschmack! Ein Kellner brachte zwei große Teller Pizza und einen mit Pasta für die Herrengruppe heraus. Die Gewürzmischung in Kombination mit Olivenöl schmeichelte ihrer Nase. Judith bemerkte, wie sehr sie sich im Moment nach etwas zu essen sehnte. Einen Augenblick später schaute sie durch das Fenster hinein. An den Seiten standen Holztische mit Sitzbänken und dazugehörigen Sitzkissen in den Farben des Landes. Zur Mitte des Raumes wurde das Mobiliar metallischer, aber auf keinem fehlte die weiße Tischdecke mit einem Kerzenhalter, auf dem vier Flammen tanzten. Bald säße sie selbst an einem dieser Tische und lauschte Mr. Henry bei seinen Erzählungen. Dieser Mann muss so viel erlebt haben; womit würde er anfangen? In der hinteren rechten Ecke erstreckte sich ein Tresen mit einem dazugehörigen Weinregal. Im Allgemeinen könnte dieses Restaurant überall auf der Welt existieren. 
„Judith“, ertönte es plötzlich hinter ihr. Sie erwachte aus dem Gedanken mit Mr. Henry bereits am Tisch zu sitzen und war bereit, den Moment endlich entgegenzukommen. Dennoch drehte sie sich, von der Stimme erschrocken, schlagartig um. In einem schwarzen Anzug mit roter Krawatte stand der Mann nun vor ihr. Judith zog die Augen zusammen, um sicherzugehen, dass ihr Sehnerv ihr keinen Streich spielte. 
„Mr. Henderson?“, fragte sie. Der Mann nickte. „Was machen Sie hier?“ 
In den Gesichtern beider zeichnete sich die Verwirrung ab. 
„Mit Ihnen essen. Was dachten Sie?“, antwortete er. 
Plötzlich sah Judith mit neuen Augen. Losgelöst von der verblendeten Hoffnung ging sie die letzten Tage durch. Sie schaute den Boden an, doch dieser öffnete sich nicht. In irgendeiner Weise musste sie der Situation entgegentreten. Vor ihr stand ein anderes hohes Tier ihrer Firma, Mr. Christopher Henderson. Optisch war er alles andere als ihr vermeintlicher Charmeur. Glatt nach hinten gekämmte Haare mit einem haarlosen Gesicht und markanten Kieferknochen. Man sagt, er widmet seiner Haut jeden Morgen 40 Minuten Pflege. Im Ganzen strahlte eine durchtrainierte Figur unter seinem Anzug hervor. Charakterlich glich er Henry in vielen Punkten. Ein ambitionierter Geschäftsmann, der keine Gelegenheit zum Erfolg auslässt. Jedenfalls schien es in finanziellen Angelegenheiten so zu sein. Doch er zeigte sich der Welt nicht, wie Henry es tat. Während sich Carter immer in Menschen stürzte, bevorzugte Henderson die Stille seines Büros, in der er sich vollkommen seiner Arbeit hingab. Nun stand er vor Judith und plante mit ihr zu essen. 
„Das war Ihr Fax?“, fragte sie. Der Ausdruck des Unangenehmen verstärkte sich bei beiden. 
„Was dachten Sie?“ 
„Carter Henry.“ Henderson fasste sich mit der Hand an die Stirn und schaute nach unten. Für ihn musste sich der Moment auch wie ein schlechter Scherz anfühlen. Was sollten sie nun daraus machen? 
„Warum haben Sie mich nicht persönlich gefragt?“, fragte Judith. Mr. Henderson spielte an seinen Manschetten herum und antwortete: „Weiß nicht. Hat sich keine Gelegenheit ergeben.“ In Anbetracht zwei getrennter Büros hatte er recht. Es braucht immer eine Kraft, die etwas in Bewegung bringt. Die Physik gilt auch für die Liebe. Judith ging mehrere Antworten durch, aber keine schien ihr passend. Sie entschied sich für das Schweigen. 
„Aber warten Sie nur. Irgendwann wird das Fax-Dating der Trend!“, fügte er hinzu. Plötzlich sprudelte das Lachen wie ein Geysir aus ihr heraus. Nach einigen Sekunden erlangte sie genug Fassung, um zu antworten. 
„Glauben Sie das wirklich?“, sagte sie, während sie sich eine Träne aus den Augenwinkeln wischte. 
„Sie sind hier. Ist das nicht Beweis genug?“ 
Judith nickte. Der Gedanke, dass ihr Pferdetraum die eigentliche Realität darstellte, kam zurück. Im Moment schien es ihr weniger absurd als der bisherige Abend. 
„Auch wenn ich nicht mein Kollege bin, darf ich Sie zum Essen einladen?“, fragte er. 
„Mit Vergnügen, Mr. Henderson!“, antwortete Judith. 
„Christopher, bitte!“ 
Er bot ihr seinen Arm an und sie hakte ein. Ihr Kurzurlaub in Italien wartete auf sie. 

Feinste Auslese

 

Der Aufzug öffnete sich.
„Gentleman! Gentleman! Willkommen im Bouef au ciel, dem renommiertesten Fleischrestaurant der westlichen Hemisphäre. Mein Name ist Bertrand. Ich habe Ihre Ankunft bereits gespannt erwartet. Lassen Sie mich Ihnen einen Einblick in unser fabelhaftes Interior gewähren. Bitte folgen Sie mir!“, sagte der oberste Kellner zu den neuen Gästen. 
 
 „Wie hat Ihnen die Fahrstuhlfahrt gefallen? Damit jeder Moment in unserem Geschäft unvergesslich wird, machen wir selbst aus einer solchen Banalität eine große Show. Die wechselnden Lumineszenzen während der 30-sekündigen Fahrt durch die 100 unter uns liegenden Stockwerke begeisterten bisher jeden unserer Kunden. Öde Fahrstuhlmusik und Gedränge? Nein! Wir bieten Komfort und Extravaganz. Jederzeit. Für jedermann. Ist das nicht großartig?“ 
Die Gäste nickten zustimmend. Bertrand führte sie durch das Restaurant. Vom zentral gelegenen Fahrstuhl gingen sie im kreisrunden Gebäude zu ihren Plätzen. Alles strahlte vor Anmut. Das weiße Porzellangeschirr, die seidenen Tischdecken und die stoffüberzogenen Stühle an den gewaltigen Eichentischen standen in perfekter Synergie zueinander. Sie waren mit Edelleuten gedeckt. Jedes kleinste Detail war perfekt durchdacht. Die Gäste nahmen Platz. 
„Der Ausblick ist einmalig, nicht wahr? Ich kann verstehen, wenn Sie sich nicht sicher sind, ob Sie dem Essen oder der leuchtenden Stadt Ihre Aufmerksamkeit schenken wollen.“ 
Alle lachten. Bertrand und seine vornehme Art bereicherten die Stimmung. Trotz seines runden Körperbaus passte er hervorragend in seinen schwarzen Smoking. Sein Gesamtbild war adrett. Er stand aufrecht, gestikulierte mit Bedacht und zeigte ein Lächeln, was sich unter seinem schwarzen Oberlippenbart versteckte. Sein französischer Charme machte sein Auftreten komplett. 
„Ich werde den Herren nun Zeit für sich lassen. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass sie die Impressionen unseres exquisiten Establishments auf sich wirken lassen müssen. Machen Sie es sich bequem. Bestellen Sie sich etwas zu trinken. Wenn Sie so weit sind, werde ich Ihnen das vorstellen, weswegen Sie hier sind. Unsere feinste Auslese!“ 
Bertrand teilte den Gästen die in Leder gehüllten Karten aus und verabschiedete sich vorerst. Kurz darauf verschwand er in einer Doppeltür. Bis auf das Klirren des Bestecks war der Raum still. Die anderen Besucher kamen nicht in den Genuss eines Gesprächs, aber dafür umso mehr in den des Essens. Die Speisen der Nachbartische sahen vorzüglich aus. Fleisch nach jeder Präferenz gebraten, geschmorrt, gegrillt oder in irgendeiner anderen Weise zubereitet. Die Beilagen wurden sehr minimalistisch gehalten. Sie erfüllten ihre Rolle als Statisten in der künstlerischen Darstellung der Tierprodukte. Welche Pflanze konnte den Protagonisten des Abends hinsichtlich derer Ästhetik überbieten? Würde man Bertrand fragen, wäre seine Antwort eindeutig. Keine! Es war unklar, ob es seine eigene reflektierte Meinung oder die seines Arbeitgebers war. Vermutlich entstand über die Jahre daraus eine Synthese. Nun packte auch die Gäste allmählich die Fleischeslust und sie ersehnten die Rückkehr des Kellners. Sie wollten die feinste Auslese begutachten. Nein, Sie wollten sie sofort verzehren. Je länger sie warten mussten, desto animalischer würde ihr Verlangen werden und somit auch die Tendenz, es roh zu verspeisen. Appetit war kein Ausdruck für diesen Zustand. Es war die schiere Begierde, dieses Bedürfnis zu stillen. 
„Messieurs, hat sich Ihr Hunger bei all den köstlichen Eindrücken gesteigert?“ 
Ihren Speichelfluss versteckend, stimmten die Gäste dem Kellner zu. Es legte sich eine unglaubliche Erleichterung über sie, da Sie bald die Objekte des Begehrens zu Gesicht bekamen. Sie folgten Bertrand durch die Doppeltür. Hinter ihr befand sich eine Vielzahl von Köchen, die Tierprodukte in allen möglichen Variationen verarbeiteten. Das Schwingen des Hackbeils auf der glänzenden Stahlplatte. Das Knirschen des Fleischwolfes. Die Dissektion aller möglichen Innereien. Die Rohheit der Fleischerkunst fand in dem kargen Raum ein passendes Atelier. Es war Teil des Paradieses der Karnivoren.  
Am Ende der Küche befand sich eine weiße Tür mit vergoldeter Klinke. Alle wussten es. Es handelte sich um den Vorführungsraum. Dort präsentierte das Bouef au ciel seinen Kunden die erlesensten Schlachtexemplare in vivo. Unruhiges Geflüster breitete sich unter den Herren aus. Sie kannten den Ort nur aus Erzählungen. Man sagt, dass man die Pracht der Ausstellungsstücke mit eigenen Augen gesehen und vor allem die Entfaltung ihres Aromas gespürt haben muss. Es soll sich um eine derartige Geschmacksexplosion handeln, dass die gesamte Mundschleimhaut noch Tage danach davon bedeckt ist. Vor Antizipation lechzend schaute die Gruppe ungeduldig auf Bertrand. 
„Meine Herren, wir haben unser Ziel erreicht. Sie stehen vor dem Raum, der uns vom Rest der Gastronomie direkt in dessen Himmel hebt. Gleich betreten Sie mit mir unser Heiligtum. Genießen Sie die Zeit, denn Sie werden dem Paradies nie wieder so nahekommen. Sind sie bereit?“ 
Mit weit geöffneten Augen nickten die Gäste dem Kellner zu. Sie wären am liebsten in den Raum gestürmt. 
„Gentleman, ich weiß, dass dieser Raum das Blut in Wallungen bringt, aber bitte verhalten Sie sich zivilisiert. Sie wollen doch nicht die Produkte verschrecken. Das würde unserer harten Arbeit nicht gerecht werden. Begegnen Sie der Auswahl mit Respekt!“ 
Bertrand öffnete die Tür. Es war ein gemütlich eingerichteter Raum mit einer Bühne gegenüber des Eingangs. Davor reihten sich mehrere Sessel aneinander. Über ihnen hang eine Vielzahl von Scheinwerfen hinab, welche die Präsentationsfläche ausleuchteten. An den Seiten standen Statuen und Säulen aus Marmor, aber die Gäste interessierten sich nur die Einrichtungselemente, welche der Vorführung dienten. Sie traten ein und nahmen Platz. 
Während die Gäste es sich bequem machten, beauftragte Bertrand einen Angestellten, die Schlachtexemplare hereinzuholen. Das Licht wurde gedimmt. Die Spannung der Herren war im ganzen Raum spürbar. Welche biologische Exzellenz erwartete sie? 
Da kamen sie! Ein Angestellter führte die Auswahl auf die Bühne. In diesem Moment wurde allen Anwesenden der vorzügliche Geschmack des Fleisches bewusst. Es bedurfte keiner Verkostung. Einzig ein Anblick genügte, um sich dessen sicher zu sein! Ihre fülligen, definierten Muskeln an Extremitäten, Bauch, Rücken und die gesund aussehende Haut gaben ein Versprechen der Köstlichkeit. Alles an ihnen war perfekt. Sie standen wie ein Abbild griechischer Götter zwischen den Marmorsäulen. Wie vorzüglich ihre Organe wohl sein mussten? In all ihrer Natürlichkeit präsentierten sie sich und warteten darauf, ausgesucht zu werden. 
„Gentleman, ich sehe an Ihren lusterfüllten Gesichtsausdrücken, dass unsere Produkte ihren Augen schmeicheln. Diese vier sind momentan unsere erlesensten Stücke. Ich behaupte, dass sich unsere Zucht wieder selbst übertroffen hat. Wir überprüften ihre DNS, um Erbkrankheiten und krankhafte Mutationen auszuschließen. Wir gaben ihnen das beste Futter. Wir gaben ihnen täglich Bewegung. Wir gaben ihnen ein gutes Leben. Nun ist der Moment gekommen, an dem sich die harte Arbeit bezahlt macht. Unsere Resultate sind erstaunlich.“ 
Die Gruppe toste vor Begeisterung. Bertrands Präsentation erzielte ihre Wirkung. 
„Sie fragen sich sicher, wie wir sie dazu gebracht haben. Ganz einfach! Wir haben sie seit Beginn ihres Lebens auf diesen Moment konditioniert. Wir gaben ihnen Wahrheit und damit ihrem Leben eigenen größeren Sinn. Wir haben sie gerettet. Daher danken sie uns mit ihrem Fleisch.“ 
Die Männer klatschten. Sie waren von dem Genie der Zucht überwältigt. Je mehr der Kellner erklärte, desto weniger konnten sie ihr Glück fassen. Sie bekamen all die Aufopferung für ein Genusserlebnis. Welch Großzügigkeit! 
„Haben Sie schon einen Favoriten? Persönlich kann ich für alle meine Empfehlung aussprechen. Was sagt Ihnen Ihr Appetit. Heute eher kaukasisch? Afrikanisch? Oder doch asiatisch? Unser rotes Fleisch ist auch unübertroffen! Ich gebe Ihnen etwas Bedenkzeit. Stehen Sie ruhig auf und begutachten Sie die Exemplare näher. Sie werden Ihnen nichts tun. Dafür haben wir sie zu gut erzogen.“ 
Die Herren erhoben sich von ihren Sesseln. Es ist wahr, was Bertrand sagte. Einer ist so schön wie der andere. Am liebsten würden sie alle verzehren. Erneut lief ihnen der Speichel, als sie ihre muskulösen Körper betrachteten und sich ihren himmlischen Geschmack auf der Zunge vorstellten. Sie rissen sich zusammen, nicht sofort hineinzubeißen. Die Begutachter und die Schlachtobjekte blickten tief ineinander. Beiden Parteien waren auf Augenhöhe. Sie wussten, dass eines dieser kostbaren Leben in wenigen Minuten enden wird, aber die Befriedung des Verzehrs war ihnen das alles wert. Dieser Moment war heilig. 
Die Gruppe debattierte über ihre Mahlzeit. Die Diskussion war hitzig. Nach einiger Zeit und vielen Wortwechseln schaute die Gruppe auf die Bühne. Fast zeitgleich erhoben sie die Arme. Sie hatten ihre Wahl getroffen. 
„Vorzügliche Wahl, Gentleman! Dieser soll es werden. Die Fleischer werden sich gleich darum kümmern. Wenn Sie möchten, dürfen Sie gern zusehen! Exklusiver kann Ihre Erfahrung kaum noch werden. Ich werde mich nach Ihrer Mahlzeit wieder zu Ihnen begeben.“ 
„Bon Appetit“ 

Piñata 

Alles an diesem Ort ist kalt: Die weißen Fliesen, das schillernde Metall, die Deckenbeleuchtung in der Reflexion des Tisches. Eine Polarexpedition inmitten der Innenstadt. Alles ist kalt, bis auf die zwei Herren, die hier ihrer Arbeit nachgehen. In Einwegkittel verpackt, mit glänzenden Werkzeugen zur Hand, beschäftigt sie Frau und Mann. Während der eine die Kühlware aus dem Gefrierfach holt, deckt der andere den Tisch. Auf der Wiese schlummert das Besteck, bevor es auf das Fleisch trifft. Wer serviert wird, verrät dessen Zeh. Der Hauptgang liegt nun auf der Silberplatte. Wenig später trifft das Messer seine Brust und zerschneidet das nicht mehr allzu feste Fleisch. Im nächsten Handgriff hält die Gabel die klaffende Wunde auf. Ein Schnitt tiefer und die Lunge entzweit. Aus ihr quillt ein Berg an Zigarettenstummeln hervor.

„Wie viele Packyears werden‘s sein?“, fragte der Assistent.

„Mindestens 30.“, antwortete der Pathologe. 

Nach einem weiteren Schnitt eröffnete er die Lunge von Spitze bis Basis. Statt Alveolen imponierten die Stummel in ihr wie die Füllung eines Truthahns. Er tauchte mit seinem Handschuh in das Meer des Konsums hinein und schöpfte es hinaus. Mit dieser Prozedur legte er die Todesursache frei, entnahm eine Probe und steckte sie in ein reagenzglasänhliches Gefäß. Den nächsten Schnitt setzte er in Höhe des rechten Oberbauches und präparierte, was von der Leber noch übrig war. Mit einer Hohlnadel durchstieß er das Organ und zog eine bräunliche Flüssigkeit heraus. Der Pathologe schwenkte das Behältnis langsam, während der Stoff hin und her wippte. Mit dem Blick darauf gebannt, sagte er: „Kräuter. Keine genaue Anzahl bestimmbar.“ 

„Braun, rot, manchmal grün, aber nie klar. Was erwarten wir auch?“, antwortete der Assistent.

Der Schneidende richtete seine Augen zum Kopf: „Elite oder Proletariat?“ 

„Nicht zwingend ein Unterschied, aber sicherlich Prole.“ 

Unter dem Surren eines Rasierers schwebten die Haare zu Boden und ein kahles Quadrat offenbarte sich als Fenster in den Intellekt. Eine weitere Inzision und ein dicker Wälzer presste sich durch die schmale Öffnung. Der Pathologe drückte den starren Einband zusammen und zog das Buch aus dem Schädel.

„Die Ilias. Ein Mann von Kultur.“, sagte er. Beim Aussprechen des Satzes stülpten sich bereits die nächsten Manuskripte aus dem Kopf, die er allesamt herauszog und neben sich ablegte. Nach dem letzten Buch reichten mehrere Stapel bis zum Tisch.

„Wenigstens ist nicht die Bild dabei!“, sagte sein Assistent.

Nach getaner Arbeit und gestillter Neugier schoben sie ihn zurück in seine unangenehm kühlen vier Wände. 

Leon Koß Writing